Obwohl die Deutschen auf der globalen Bühne noch immer als effizient und präzise gelten, werden sie heutzutage in vielen Bereichen von anderen überflügelt. Gerade China ist Deutschland in puncto Brückenbau scheinbar um Längen überlegen: Während in Deutschland selbst kleinere Projekte oft mehrere Jahre andauern, stampft man in China binnen weniger Monate neue Infrastruktur aus dem Boden, so Andreas Scheibe, geschäftsführender Gesellschafter mehrerer Unternehmen in der Baubranche, gegenüber fuldainfo.de.
Die Ursache geht jedoch tiefer als ineffiziente Planung, regulatorische Unterschiede oder unvorhergesehene Umstände – vielmehr liegen systemische Probleme im deutschen Bauwesen vor, die Projekte behindern. So etwas hat weitreichende Folgen, die der deutschen Wettbewerbsfähigkeit auf globaler Ebene nachhaltig schaden. Warum hierzulande kaum ein Infrastrukturprojekt rechtzeitig fertig wird, beleuchtet dieser Expertenbeitrag.
Mehr Aufwand durch Normen und Digitalisierung
Das deutsche Bauwesen ist berüchtigt für seine strikten Vorgaben und Dokumentationspflichten. Zwar gibt es immer wieder politische Initiativen zur Entbürokratisierung – in der Realität verbringen aber weiterhin Handwerker und andere Auftragnehmer einen großen Teil ihrer bezahlten Arbeitszeit damit, Baumaßnahmen rechtssicher zu dokumentieren oder auf die Zustimmung von Stakeholdern zu warten. Dadurch geht Zeit verloren, die dazu genutzt werden könnte, das Projekt voranzubringen.
Umgekehrt trägt jedoch auch die Digitalisierung entscheidend zu den Missständen in der Baubranche bei. Architekten und Planer arbeiten heute größtenteils mit digitalen Modellen und Simulationen, um ihre Pläne zu erstellen. So schön die Flexibilität ist, die mit solchen digitalen Möglichkeiten einhergeht – oft werden dadurch die tatsächlichen Bedingungen vor Ort nicht ausreichend berücksichtigt. Das hat zur Folge, dass viele der anfangs erstellten Pläne nicht realistisch umzusetzen sind. Macht sich dies auf der Baustelle bemerkbar, ist es jedoch bereits zu spät: Die mangelnde Sorgfalt der Planer sorgt dafür, dass Arbeiten nicht plangemäß ausgeführt werden und schlimmstenfalls sogar Konflikte mit den zuständigen Behörden entstehen.
Schlechte Koordination auf deutschen Baustellen
Handwerker stehen in einer solchen Situation nicht selten zwischen den Fronten. Während sie einerseits gemäß Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) nicht für Planungsfehler beziehungsweise deren Korrektur verantwortlich sind, zwingt ihre Sorgfaltspflicht sie andererseits dazu, Planer und Auftraggeber auf Missstände aufmerksam zu machen, damit das Projekt sicher weitergeführt werden kann. Bis die Rückmeldung und die notwendigen Planänderungen vorliegen, können die Arbeiten im schlimmsten Falle nicht fortgeführt werden – ein Stillstand, der den Auftraggeber tagtäglich bares Geld kostet.
Die meisten Probleme ließen sich jedoch rein theoretisch vermeiden oder zumindest abschwächen, indem die zuständigen Planer mit größerer Sorgfalt verfahren. So wird etwa in China jedes Bauprojekt intensiv und unter Berücksichtigung aller relevanten Faktoren durchgeplant, sodass der Bau selbst reibungslos vonstattengeht. Projekte lassen sich dadurch in wesentlich kürzerer Zeit und zu geringeren Kosten umsetzen.
Von internationalen Best Practices lernen
Um die Probleme des deutschen Bauwesens nachhaltig zu lösen, sind weitreichende Reformen und ein Umdenken aller Beteiligten dringend erforderlich. Während etwa der Gesetzgeber die Weichen für den Abbau bürokratischer Hürden stellen muss, könnten Schulungen und strengere Qualitätsstandards dazu beitragen, dass Planer erneut detaillierte, der realen Baustellensituation angemessene Pläne liefern. Ebenso ermöglicht es eine intensivere Planungsphase, verbindliche Kostenkalkulationen und Zeitpläne für Projekte zu erstellen und einzuhalten.
Nicht zuletzt gilt es allerdings auch, die Aufgabenteilung zwischen Planern, Handwerkern und Auftraggeber auf der Baustelle eindeutig zu definieren, um Konflikten vorbeugend entgegenzuwirken. Erfüllen sämtliche Beteiligten ihre Aufgaben gewissenhaft, lassen sich kostspielige Probleme vermeiden. Dabei sollten die Verantwortlichen sich an internationalen Best Practices wie dem Vorgehen im chinesischen Bauwesen orientieren und entsprechend nachfassen, um Deutschland im Brückenbau wieder konkurrenzfähig zu machen.
Fazit
Das Bauwesen in Deutschland steht vor strukturellen Herausforderungen, doch Lösungsansätze sind klar erkennbar. Entscheidend ist, dass die Politik ihre Zusagen zur Entbürokratisierung in die Praxis umsetzt und gleichzeitig die Bedeutung gründlicher Planungsprozesse stärker betont wird. Zahlreiche Länder, darunter auch China, demonstrieren, wie Brücken und andere Bauprojekte effizient realisiert werden können. Deutschland könnte von diesen Best Practices profitieren, um bestehende Defizite in der Bauwirtschaft gezielt zu beheben. +++

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