„Ist es ein frohes Ereignis, wenn eine Gedenkstätte eingeweiht wird, die auf Handlungen hinweist, die über Jahrzehnte klar negativ konnotiert gewesen ist? Ist es möglich, eine tragische Erinnerung der Vergangenheit in die Zukunft zu transportieren und dies mit einer ansprechenden Gestaltung zu verbinden? Dürfen wir angesichts der Schatten, die über diesem Ort liegen, ausdrücken: Das ist aber schön geworden?“ Mit diesen Fragen begann Fuldas Stadtbaurat, Daniel Schreiner, seine Rede zur Eröffnung und Einweihung des „Alten Jüdischen Friedhofes“ als „Ort der Erinnerung“ auf dem Areal zwischen Rabanusstraße und Lindenstraße, das über viele Jahre lediglich den Namen „Jerusalemplatz“ trug, in Anwesenheit einer Vielzahl an Ehrengästen.
Diese Fragen hatte sich Stadtbaurat Schreiner während des Prozesses der Umgestaltung des Platzes gestellt. „An diesem zentralen Ort soll etwas Wichtiges entstehen“, so das Fuldaer Magistratsmitglied auf einer Sitzung des Ausschusses für Bauwesen, Klimaschutz und Stadtplanung im Jahr 2022. Auf dem Platz „Alter Jüdischer Friedhof“, bei dem es sich um eine Grünfläche an einem zentralen Ort der Fuldaer Innenstadt handelt, wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts bestattet, dann wurde der Friedhof geschlossen. Es folgten die dunklen Jahre des Nationalsozialismus. Beseitigt durch die Nationalsozialisten wurde der Ort des Erinnerns nicht; in der Nachkriegszeit wurde jedoch auf der Fläche ein Zollamt errichtet, was zu internationalen Verwicklungen führte. Die eigentliche Bedeutung und der Bezug des Platzes gingen mit der Umgestaltung zu einer Grün- und Freizeitfläche, sukzessive verloren. Vor dem Hintergrund der Gründung der Arbeitsgruppe „Jüdisches Leben in Fulda“ und vorausgegangenen intensiven Recherchen zur Stadtgeschichte und jüdischem Leben in Fulda, kam man übereinstimmend zu dem Ergebnis, den „Alten Jüdischen Friedhof“ zu einem zentralen Ort in der Fuldaer Innenstadt werden zu lassen und damit auch in seiner kulturhistorischen Bedeutung wieder lebendig werden zu lassen. Namenstafeln von Jüdinnen und Juden, die einst in Fulda lebten, erinnern an die dunken Stunden deutscher Geschichte.
Stadtbaurat Daniel Schreiner erinnerte an die nahezu 10 Jahre, die vergangen sind, eintrübten und zu unerwarteten Wendungen, aber auch Erhellungen führten. Stets habe man an den gemeinsam erarbeiteten Zielen festgehalten. Heute können wir ein fertiges Werk begutachten, zu dem viele beigetragen haben. In der eigens gegründeten Arbeitsgruppe „Jüdisches Fulda“ wurde bereits während der Corona-Jahre die Dualität „Alter Jüdischer Friedhof“ und „Ort der zerstörten Synagoge“ behandelt und es sollte die Frage erörtert werden, welcher Ort künftig welchen Beitrag für die Stadt aber auch für das Jüdische Fulda leisten könnte. Stadtbaurat Schreiner brachte seinerzeit den Vorschlag ein, die bisherige Gedenkstätte vom ehemaligen Jüdischen Viertel „Am Stockhaus“ in die Stadt zu bringen, um die Aufmerksamkeit für das Thema zu erhöhen. Gleichzeitig sollte der Transfer bedeuten, durch ein neues Begegnungszentrum Leben an den Ort zu bringen, an dem sich früher Jüdinnen und Juden trafen. Das war der Strandort der ehemaligen Synagoge.
Die Arbeitsgruppe freundete sich mit dem Entwurf an. Das Votum gelte bis heute. Es fand Eingang in die Planung und wurde von den Gremien beschlossen. Dankesworte richtete Stadtbaurat Schreiner gestern an Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld für das entgegengebrachte Vertrauen sowie an die Arbeitsgruppe „Jüdisches Fulda“, die die folgenden Schritte begleitete. Stellvertretend dankte Schreiner Ethan Bensinger als Vertreter der Nachkommen ehemaliger Fuldaer Juden, Daniel Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen sowie Anja Listmann für ihren Einsatz und ihre konsequente Teilnahme an Terminen.
Eine prägende Idee zur Umsetzung des Projektes wurde von dem Fuldaer Künstler Franz Erhard Walther eingebracht. Es war der radikale Entzug der Fläche für die Allgemeinheit durch Rückbesinnung einer für Friedhöfe typische Wiesenfläche. Ein Ansatz, der Leitfaden für die weiteren Planungsschritte bleiben sollte, auch wenn eine tatsächliche Umsetzung dieses Entwurfs aufgrund örtlicher Gegebenheiten in der weiteren Folge nicht möglich war. Es brauchte in der Folge ein Landschaftsarchitekturbüro mit viel Erfahrung für die Gestaltung von Gedenkbauten, was mit dem Büro arc:grün aus Kitzingen gefunden werden konnte, das die ursprünglichen Gedanken des Künstlers aufgriff und durch die Elemente aus den Beratungen der Arbeitsgruppe und um eigene Gestaltungsansätze ergänzte. So entstand der Buchstabenzaun als Einfriedung der Friedhofsfläche. „Markant – aber ohne uns zu überfordern, führt uns der Zaun subtil in eine sakrale Welt und markiert den Verbliebenen-Bereich des ‚Alten Jüdischen Friedhofs‘. Ein vollständiger Psalm lädt zum Nachdenken und Innehalten ein. Hier treffen sich Tanach und das Alte Testament, womit das Judentum mit dem Christentum verbunden wird. Im Inneren offenbart sich eine Jüdische Welt, eine geschundene aber gleichwohl eine gestaltete mit wertiger Aufenthaltsfläche und neuen Gedenksteinen.
Die Umgestaltung war kleinteilig und aufwendig. Die Auftragnehmer haben nach Schreiner nicht nur gute Arbeit verrichtet und Werbung in eigener Sache betrieben, sondern sich auch für Fulda verdient gemacht, die von einem ebenso engagierten Team des Grünflächen- und Tiefbauamtes der Stadt Fulda. Der Fuldaer Stadtbaurat bekannte, dass das, was er sehe, schön geworden ist, auch wenn die Wiesenfläche und das Band der Erinnerung noch etwas Zeit benötigten. „Ein Jüdischer Friedhof verliert nie seine Bestimmung. Jüdische Friedhöfe bleiben, auch wenn sie nicht mehr für neue Bestattungen genutzt werden als Begräbnisorte bestehen. Gräber werden nicht ausgelöscht oder neu belegt, da den Verstorbenen nach jüdischem Verständnis ewige Totenruhe zukommt“, führte Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld bei der gestrigen Feierstunde zur Eröffnung und Einweihung des Alten Jüdischen Friedhofes aus. „Wenn wir die letzten 120 Jahre in den Blick nehmen, so zeigt das den Wandel der Erinnerungskultur in unserem Land und auch in unserem Fulda. In den 30er-Jahren unternahmen das NS-Regime und beklagenswerter Weise auch die Stadt Fulda den Versuch, die Fläche als ihr Eigentum zu erwerben, um es für Bauvorhaben zu nutzen. Die Fläche wurde formell zwar nicht enteignet, jedoch mit großem Druck der Jüdischen Gemeinde unter Ausnutzung entzogen“, erinnerte das Stadtoberhaupt. +++ ja





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