Es sind oft leise Entscheidungen, die eine Region verändern. Keine großen Reden, keine feierlichen Banddurchschnitte – sondern Unterschriften unter Verträgen, die eine Zukunft sichern. In Dipperz, wenige Kilometer vor den Toren Fuldas, ist in diesen Tagen genau ein solcher Moment entstanden.
Die Evangelische Altenhilfe Gesundbrunnen übernimmt das Pflegezentrum „Am Holzbach“. Der Kauf erfolgt aus einer Insolvenz heraus – und markiert zugleich den Beginn eines neuen Kapitels für die Pflege in der Region Fulda.
Für den evangelischen Träger ist dieser Schritt weit mehr als eine Erweiterung seines Netzes. Die Organisation betreibt bereits 21 Altenpflegezentren in Nordhessen und dem westlichen Thüringen, ihr Hauptsitz liegt in Hofgeismar. Doch der Blick richtet sich nun verstärkt auf Fulda und das Umland. Mit der Übernahme des Pflegezentrums entsteht die Chance, eine langfristige Perspektive zu schaffen – für Bewohner, Mitarbeitende und eine Region, in der der Bedarf an Pflegeplätzen seit Jahren wächst.
Dabei reicht die Geschichte der Altenhilfe Gesundbrunnen in Fulda fast ein Jahrhundert zurück. Seit nahezu hundert Jahren betreibt der Träger das Evangelische Alten- und Pflegeheim „Haus Emmaus“ im Fuldaer Gerloser Weg, direkt am Frauenberg gelegen. Ein Haus mit 45 vollstationären Pflegeplätzen und eingestreuter Kurzzeitpflege, bekannt und geschätzt in der Stadt. Doch die Lage, so schön sie ist, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gebäude längst an die Grenzen seiner baulichen Möglichkeiten gestoßen ist. Die Struktur ist in die Jahre gekommen. Moderne Pflege stellt andere Anforderungen an Räume, Abläufe und Ausstattung. Schon seit Jahren suchte der Träger deshalb nach einem Ersatzstandort – ein Prozess, der sich als lang und kompliziert erwies. Nun ist eine Lösung gefunden.
Nach intensiven Verhandlungen mit dem Insolvenzverwalter, der Familienstiftung Pokrzewinski, Dr. Jan Markus Plathner von der Kanzlei Brinkmann & Partner, die Eigentümerin des Quartiers in Dipperz ist, wurde der Kauf abgeschlossen. Für die Altenhilfe Gesundbrunnen bedeutet das nicht nur eine bauliche Perspektive, sondern auch die Möglichkeit, ein neues Pflegekonzept umzusetzen.
In Dipperz sollen in einer Restbauzeit von rund zwölf bis fünfzehn Monaten insgesamt 60 Pflegeplätze entstehen. Ergänzt wird das Angebot durch eine solitäre Tagespflege mit 18 Plätzen. Gedacht ist sie vor allem für Menschen aus Dipperz und dem näheren Umfeld – für ältere Menschen, die tagsüber Betreuung benötigen, aber weiterhin in ihrem eigenen Zuhause leben. Damit entsteht ein Angebot, das stationäre Pflege, Kurzzeitpflege und Tagespflege miteinander verbindet.
Doch das Pflegezentrum ist mehr als ein Gebäude. Es wird Teil eines Quartiers sein, das bereits heute Strukturen für ein gemeinschaftliches Leben bietet. Vor Ort gibt es eine Apotheke, eine Filiale der Bäckerei Happ mit Cafeteria und heimverbundene Wohnungen. Diese Wohnungen werden künftig ebenfalls von der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen betrieben. Einige sind bereits belegt, die aktive Vermietung der übrigen Einheiten soll in Kürze beginnen.
Die Idee dahinter folgt einem Prinzip, das in der Pflege zunehmend an Bedeutung gewinnt: Versorgung nicht isoliert zu denken, sondern als Teil eines sozialen Umfelds. Pflege, Wohnen, Begegnung und alltägliche Infrastruktur sollen sich ergänzen.
Auch das neue Pflegezentrum selbst orientiert sich an modernen Standards. Im stationären Bereich sind ausschließlich Einzelzimmer vorgesehen. Sie verteilen sich auf zwei Wohnbereiche und bieten den Bewohnerinnen und Bewohnern mehr Privatsphäre als viele ältere Einrichtungen. Gleichzeitig wird großen Wert auf gemeinschaftlich nutzbare Flächen gelegt – Räume, die Begegnung ermöglichen und den Alltag strukturieren.
Nach Abschluss der Bauarbeiten soll schließlich der Umzug erfolgen. Die Belegschaft und die Bewohnerinnen und Bewohner aus dem bisherigen Haus im Gerloser Weg werden in die rund 15 Kilometer entfernte Kommune Dipperz umziehen. Für sie bedeutet das nicht nur einen Ortswechsel, sondern auch den Einzug in modernere Räumlichkeiten – mit einem weiten Blick über die Landschaft der Rhön.
Der Insolvenzverwalter Dr. Jan Markus Plathner sieht in der Lösung eine Perspektive für das gesamte Projekt: Es freue ihn sehr, dass mit der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen ein Investor gefunden worden sei, der den Standort fertigstelle und damit Perspektiven für alte und neue Bewohner ebenso wie für die Region schaffe.
Auch beim Träger selbst überwiegt Erleichterung. Ralf Pfannkuche, kaufmännischer Vorstand der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen, spricht von langen Verhandlungen, die nun zu einer guten Lösung geführt hätten. Man freue sich darauf, das Projekt gemeinsam mit den bislang am Bau beteiligten Firmen aus der Region fertigzustellen. Sein Dank gilt unter anderem dem Landrat des Landkreises Fulda, Bernd Woide, für die Absicherung der Refinanzierung sowie den Partnern TK Finanzgruppe, der Wirtschaftskanzlei Grüter und Treugeno Kassel für die bisherige Zusammenarbeit.
Mit der Übernahme des Pflegezentrums Am Holzbach setzt der evangelische Träger damit ein klares Zeichen. Diakonische Pflege soll in der Region Fulda nicht nur erhalten bleiben, sondern wachsen – in modernen Gebäuden, mit erweiterten Angeboten und in einem Quartier, das Pflege nicht als Randbereich versteht, sondern als Teil von gesellschaftlicher Partizipation. +++

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