Ein Musiker-Duo erzählt auf Point Alpha über Stasiknast und Ostseeflucht

Es ist einer dieser Abende, an denen Geschichte nicht geschniegelt daherkommt, sondern atmet, klingt und manchmal auch schmerzt. Im Haus auf der Grenze der Point Alpha Stiftung stehen zwei Männer im Licht, deren Leben kaum unterschiedlicher beginnen konnte – und doch denselben Takt fand: den Drang nach Freiheit. Der Titel der Veranstaltung wirkt nüchtern, fast spröde: „Stasiknast und Ostseeflucht“. Was folgt, ist alles andere als das.

Dietrich Kessler und Eberhard Klunker erzählen. Sie erzählen nicht geschniegelt, nicht geschniegelt geschniegelt – sondern so, wie Erinnerungen eben kommen: in Bildern, Brüchen, mit Musik dazwischen. Blues und Rock fließen durch den Abend, wenn Worte nicht reichen oder zu viel werden. Songs wie „Watch Tower“, „Orientexpress“ oder „Mellow Yellow“ legen sich wie ein Soundtrack über Biografien, die von Enge und Aufbruch handeln. Für die Stimme sorgt Hartmut Rüffert, dessen dunkler Bariton den Geschichten eine zusätzliche Tiefe gibt. Er moderiert, ordnet ein, kennt die Szene – als einstiger Oppositioneller und Kenner der DDR-Rockmusik.

Rund 130 Zuhörer sitzen im voll besetzten Forum der Gedenkstätte Point Alpha. Sie hören von einem Staat, der sich Arbeiter- und Bauernstaat nannte – und von dem Gefühl, darin nicht atmen zu können. Es geht um Frust, um Kontrolle, um den Preis, den man zahlt, wenn man geht: Freunde, Fans, ein Stück Leben. Und doch auch um den Moment, in dem einer sagt: Ich kann nicht bleiben.

Dietrich Kessler war einmal Chef einer der bekanntesten Rockbands der DDR, der „Klosterbrüder“, später „Gruppe Magdeburg“. 1981 wagt die Band etwas, das es so kein zweites Mal gibt: einen kollektiven Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik. Ein Affront gegen den Staat – mit Folgen. Überwachung, Denunziation, ein Leben unter Beobachtung. Dann, eines Tages, klingelt es. Die Stasi holt ihn ab.

Im Juni 1983 sitzt Kessler im Gefängnis, angeklagt wegen „landesverräterischer Agententätigkeit“. Die Verhöre sind hart, die Vorwürfe grotesk. Man behandelt ihn wie einen Spion, unterstellt ihm, er habe den dritten Weltkrieg anzetteln wollen. 16 Monate hält er durch. Dann wird er freigekauft – für 100.000 D-Mark. Die Ausreise erfolgt nüchtern, fast bürokratisch: im Kleinbus über die Grenze, begleitet vom goldenen Mercedes des Rechtsanwalts und Unterhändlers Dr. Wolfgang Vogel. Auf der anderen Seite: die Nationalhymne der Bundesrepublik. Ein Moment, in dem Kessler weiß, dass er angekommen ist. Seine Erlebnisse hat er später im Buch „Stasi-Knast“ festgehalten.

Eberhard Klunker wählt einen anderen Weg. Der Gitarrist der „Modern Soul Band“ ist 23 Jahre alt, als er 1975 beschließt zu fliehen. Nicht über Anträge, sondern über das Meer. Die Ostsee wird zur Grenze – und zur Hoffnung. Zusammen mit seinem Freund Olaf Wegener reist er auf die Insel Poel. Im Gepäck: ein gefaltetes Schlauchboot, versteckt im Campingbeutel, die Paddel im Angelfutteral. Mehr nicht.

Sie warten auf die Dunkelheit, schlagen sich als vermeintliche Angler in die Büsche. Dann geht alles schnell. Raus aufs Wasser, hinein in die Nacht. Angst bleibt kaum Zeit, denn das Boot läuft ständig voll. Schöpfen, paddeln, weitermachen. Ein Kompass weist die Richtung. Dann, plötzlich, ein Moment, der alles kippen könnte: der Lichtkegel der Grenzer. Klunker hält inne, rechnet mit dem Ende. Doch nichts passiert. Keine Sirene, keine Verfolgung. Nur Dunkelheit – und die leise Aufforderung: weiter.

16 Stunden später taucht Land auf. Die Gewissheit kommt mit einem Werbeballon. „Nivea“, steht darauf. Ein kurzer Zweifel, ein Scherz: Vielleicht doch „Florena“? Dann wäre es noch nicht geschafft. Doch es ist der Westen. In Dahme, Schleswig-Holstein, gehen sie an Land. Menschen kommen, helfen, reichen Zigaretten, sogar Schnaps. Ein Empfang, der so unwirklich ist wie die Nacht zuvor.

Beide Männer erzählen diese Geschichten ohne Pathos, aber mit einer Wucht, die im Raum bleibt. In der anschließenden Diskussion fragen die Zuhörer nach, wollen mehr wissen, mehr verstehen. Klunker, heute 73, hat nach seiner Flucht international gespielt, frei, ohne Vorgaben. Kessler hat komponiert, einen Verlag gegründet und seine „Klosterbrüder“ wiederbelebt. Zwei Wege, die im Westen weitergehen – getragen von dem, was sie angetrieben hat.

Am Ende steht noch einmal Musik. „Was wird morgen sein?“ klingt durch den Raum, als sich der Abend dem Ende neigt. Die Antwort bleibt offen. Aber eines wird spürbar: Der Rhythmus der Freiheit lässt sich nicht einsperren. Er bleibt. In den Geschichten. In den Songs. Und in den Menschen, die ihn einmal in sich gespürt haben. +++


Popup-Fenster

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*