Edda Bischof: Wie sich Leistungssport auf Körper und Seele auswirkt

Edda Bischof. Foto: privat

Im ersten Teil der Betrachtung über die junge Leichtathletin Edda Bischof vom Hünfelder SV schälte sich heraus, dass sie sich einem Thema annahm, das lohnenswert erscheint, unter die Oberfläche zu sehen. Ob sich denn Leistungssport positiv auf Körper und Seele auswirke? Es war nicht nur die Realschul-Abschlussarbeit für die 16-Jährige an der Marienschule - es ist auch ein Sachverhalt mit einem gehörigen Stückchen Selbstreflexion. Einer, der sich in Leben, Intensität und Reifung ihrer Persönlichkeit vortrefflich an Edda Bischof ablesen lässt. Hier einige Auszüge. Passagen, die nicht nur ihr Leben bereichern, sondern auch stellvertretend für viele, für die Masse der Sportler stehen.

So schreibt sie: Für den Leistungssportler gibt es, sobald er sich für seine Passion entschieden hat, kein „normales“ Leben mehr. Selbst im Bereich der Jugend oder Junioren ist das so. Sport bestimmt den Alltag, Wettkämpfe bestimmen das Wochenende. Die gesamte Familie lebt für diese Person, die selbstredend niemanden enttäuschen will. Pausen gibt es nicht. Immer weiter. Immer weiter geht es in diesem Kreislauf. Schließlich ist der Fokus voll auf den Erfolg ausgerichtet. Seinen Freundeskreis hat und findet man automatisch unter den Gleichgesinnten im Sport. Die „Normalos“ wissen oder verstehen nicht oder nur sehr begrenzt, warum man nie Zeit hat. Zum Beispiel am Wochenende auf Partys zu gehen. Stattdessen muss man früh zu Bett gehen, um dann am nächsten Tag hoffentlich nach dem Wettkampf das Zauberwort „PB“ - also persönliche Bestleistung - hinter seinem Ergebnis zu sehen.

Edda Bischof fährt fort: Das Vertrauensverhältnis zwischen Athlet und Trainer sollte nicht nur, es muss sehr groß sein. Ein fast blindes Vertrauen ist die Voraussetzung, um seinen eigenen Kopf auszuschalten und das zu tun, was hoffentlich das Richtige für einen ist. Die 16-Jährige beantwortet die eingangs gestellte Frage mit einem klaren „Ja“. Das funktioniert aber nur, wenn Trainer, Verein, Athlet, medizinische Versorgung, Familie, Freunde, Ernährung, ein gesunder Körper und ein ausgeglichener Kopf Hand in Hand gehen. Edda Bischof bezieht all dies auch auf ihre eigene Situation. Obwohl sie „noch einige Meter“ von ihrem großen Ziel, einer gewünschten Teilnahme an den Europameisterschaften, entfernt ist.

Was ihre Entwicklung angeht, fügt sie Folgendes hinzu. Kinderleichtathletik. Irgendwann kam sie in die Gruppe der älteren Athleten. Wie alle Kinder, musste sie jede Disziplin ausüben. Irgendwann in diesem Prozess freute sich Edda nicht mehr nur für eine Mannschaft, sondern dass sie für sich alleine starten durfte. Aber immer noch musste sie alle Disziplinen ausüben. Sie fühlte sich als „zweite Garde“ - und sie wurde auch so eingestuft. Edda Bischof war frustriert. Zumal sie ja noch der Kinderleichtathletik angehörte. Und noch nicht im Leistungssport angekommen war. Sie empfand sich als „kleines, rotes Klößchen“. So jedenfalls nahm sie sich mit und in den eigenen Augen wahr. Dennoch verpasste sie kein Training und gab stets ihr Bestes. An dieser Schnittstelle ihrer Entwicklung erkannte sie Parallelen. Sie war nicht gut genug, wurde nicht akzeptiert, war mit sich selbst unzufrieden.

Bis, ja bis plötzlich der Tag kam, der ihr Leben veränderte. Bei den Hessischen Meisterschaften traf sie auf einen Trainer, der sie ihrer „Paradedisziplin“, dem Kugelstoßen, coachte. Sie hatte diese Disziplin aber nicht mehr viel trainiert in der jüngeren Vergangenheit. Dennoch sprang Bronze mit der Kugel heraus und ein Start in der 4x200-Meter-Staffel in der seinerzeitigen Startgemeinschaft. In Edda Bischofs Augen spiegelten sich Glücksgefühl und Zufriedenheit in einem - verbunden mit dem Willen und Antrieb, noch mehr zu geben.

Ab jetzt befand sich die Athletin auf dem passenden Weg. Einer, der mit neuen Herausforderungen gepflastert war und ist. Sie nennt das so: „Tägliches Training im neuen Verein. Edda Bischof arbeitete sich zu vielen Erfolgen mit der Kugel und im Diskus. „Ich bin körperlich topfit“, spürt sie, „ernähre mich größtenteils gesund und kann mit Rückschlägen besser umgehen, mich besser konzentrieren und fokussieren. Das macht mich glücklich.“ Ihre vorübergehende Bilanz ist nicht zu Ende. „Auch wenn ich viele Dinge dafür in meinem Leben aufgeben musste - und auch vielleicht noch muss. Ich bin Mitglied im Landeskader und fahre zweimal wöchentlich nach Frankfurt zum Training. Und ich hatte die Chance, drei Tage im Bundeskader mitzutrainieren.“

Edda Bischof empfindet es als „großes Glück, trotz aller Rückschläge einer solchen Menschengruppe anzugehören“. Ein Werfer habe deutlich weniger Stress mit Magersucht oder Essstörungen. Die wenigsten Werfer seien „komplette Leichtgewichte“, was aber nicht die körperliche Fitness beeinträchtigen dürfe. Die 16-Jährige ist zur Einsicht gekommen. Sie spürt tiefes Denken. So, dass sie Ratschläge erteilen kann. „Wir nicht bereit ist, dieses Leben zu führen und zu verzichten, für diese Athleten ist es sicher der falsche Weg“, sagt sie. Auch wenn sie sich bewusst ist: „Für jeden kann eine große Verletzung das Ende bedeuten, aber letztendlich muss der Wille zu einem siegen, alles zu versuchen.“ Doch weiterhin regiert die Selbstfindung in ihr. „Der Sport steht im absoluten Fokus dieser Menschen. Und ich muss selbst zugeben, dass ich alles - außer der Schule - hinten an stelle.“ Und sie findet einen fast philosophischen Abschluss: „Keiner weiß, wie weit der Weg geht. Aber man muss beginnen, ihn zu laufen.“

Auch Edda Bischof ist eine junge Persönlichkeit. Eine von vielen in der Leichtathletik beim Hünfelder SV. Sie hat ihren Weg gefunden. Ihre Bestimmung. Ihr Selbst reift. Ihr Ich reift. Selbstreflexion tut gut. Im Prozess des Lebens. In seiner Intensität. +++ rl


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