Don‘t move: Mediengruppe Parzeller stellte Jugendmagazin „move36“ ein

Kein tragfähiges Konzept

Die osthessische Medienlandschaft ist in ihrer Vielfalt ein gutes Stück ärmer geworden. Mit der Ende September erschienenen Ausgabe 86 ist nach gut neun Jahren Schluss für das Jugendmagazin move36, welches bei der OBCC, einem Unternehmen der Mediengruppe Parzeller, erschien. Es habe sich wirtschaftlich nicht getragen, die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Werbemarkt seien erschwerend hinzugekommen. Ehemalige Redaktionsmitglieder sprechen von jahrelangem Chaos bei der Vermarktung, so dass nie ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept gefunden wurde.

Die entstandene Lücke ist groß, denn move36 hat Lokaljournalismus für junge Menschen attraktiv gemacht, die klassische Medienangebote kaum nutzen. Die crossmediale Ansprache über gedrucktes Magazin, Internetseite, Videos, Podcasts und Social Media hatte stets auch Subkulturen und Randgruppen im Blick, die ansonsten durch das Raster der medialen Aufmerksamkeit fallen. „Wir konnten anders als im Tagesjournalismus ausgiebig recherchieren und neue Erzählweisen ausprobieren, wodurch wir auch handwerklich viel gelernt haben“, schwärmt ein ehemaliges Redaktionsmitglied. Für die gewährten thematischen Freiräume sei man sehr dankbar. Der Mix war stets bunt gemischt: Neben Karrieregeschichten, Antworten rund um Partnerschaft und Sexualität fanden sich immer wieder größere gesellschaftliche Themen wie Wohnungsnot in Fulda. Das tiefe Eintauchen in die Recherche hatte sich oft gelohnt. Mariana Friedrich, Redakteurin von 2012 bis 2018, belegte beim Hessischen Journalistenpreis 2015 zum Thema „Flüchtlinge in Hessen“ mit ihrer Reportage „Asylheim statt Studenten-Appartments?“ den zweiten Platz – und so landete move36 zwischen Handelsblatt (1. Platz) und hr-info (3. Platz). In ihren Abschiedsworten auf der mittlerweile gelöschten Internetseite teilte Layouterin Karoline Weber mit: „Wir schrieben Geschichten über Randgruppen, junge Menschen oder wichtige Themen, die sonst in der Masse untergehen. Wir waren eine Plattform für echten Journalismus. Wir boten keine Schön-Wetter-Nachrichten: Wir waren real.“

Mehr als „nur“ ein Magazin

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Die Holzklötzchen mit den Werten der Mediengruppe Parzeller. Fotos: Jens Brehl

In Puncto Impact in der Region schreibt Bernd Loskant, der das Magazin als Chefredakteur von 2011 bis 2019 geführt hat: „Soziales Engagement gehört zu move36 wie der Dom zu Fulda: Wir verliehen zweimal den Jugendehrenamtspreis und starteten mit Barmer und Paritätischem Wohlfahrtsverband das Selbsthilfeprojekt ‚Wir müssen reden!‘ – ein bundesweites Leuchtturmprojekt für alle Beteiligten.“ move36 war mehr als ein Jugendmagazin, sondern offizielles Unterrichtsmaterial an Fuldaer Schulen. „Wir haben thematische Lücken gefüllt“, erklärt Walter Lorz, Geschäftsführer OBCC. Schließlich gäbe es keine aktuellen Schulbücher beispielsweise zu Brexit oder Cybermobbing. Gymnasien, berufsbildende Schulen und die Hochschule Fulda hatten im Rahmen der Kooperationen große Kontingente der gedruckten Magazine zum kostenfreien Verteilen erhalten. „Wir verlieren einen Medienpartner, der jenseits von schnellen Schlagzeilen Themen intensiver beleuchtet, langfristig begleitet und kritisch hinterfragt hat. Einem Tagesjournalismus, der auf aktuelle Nachrichten ausgerichtet ist, ist dies zeitlich oft nicht möglich. move36 konnte Themen bündeln und auch auf unterhaltsame Weise vermitteln. Das Medium hatte sich auch bei unseren Professoren gut etabliert“, sagt Antje Mohr, Pressesprecherin der Hochschule Fulda. „Wir haben eine lockere Sprache gefunden, bei der sich die Leser immer noch ernst genommen gefühlt haben“, bestätigt ein ehemaliges Redaktionsmitglied. „Natürlich war die junge Zielgruppe für den Werbemarkt interessant. Allerdings konnten wir das Magazin auch nicht mit Anzeigen überfrachten, weil es sonst ein Problem gegeben hätte, es in den Schulen zu platzieren. Das war immer eine Gratwanderung“, sagt Lorz und stellt generell klar: „Der Werbemarkt hat nicht die Erlöse gebracht, um das Magazin zu finanzieren.“

Kein tragfähiges Konzept

In ihren Abschiedsworten meint Friedrich: „move36 hätte ein einzigartiges Projekt in der deutschen Medienlandschaft sein können. Wenn da nicht das Aber stünde, dass nun folgen muss. Denn ein qualitativ hochwertiges Projekt kann sich nur durchsetzen, wenn auch ein guter Plan dahintersteht, dieses Produkt bekannt zu machen. Wenn Vermarktungsstrategien entwickelt werden. Wenn man auch hier mutig ist. Und in diesem Bereich wurden dem Projekt einige Hürden in den Weg gelegt.“ Tatsächlich fiel es schwer, ein nachhaltig wirtschaftliches Konzept zu finden. Laut ehemaligen Redaktionsmitgliedern sei die Vermarktung des Magazins oft chaotisch gewesen, eine stringente Marketing-Strategie habe gefehlt, die Bannerwerbung auf der Internetseite sei beispielsweise oft vernachlässigt worden. Zudem war im Laufe der Jahre für den Verkauf von Anzeigen mal der Vertrieb des Parzeller Verlags, die Buchhaltung von move36 oder die ebenfalls zur Mediengruppe Parzeller gehörende Agentur Heldenzeit zuständig – mit extrem schwankendem Erfolg. „Wenn unsere Buchhaltung die Anzeigen verkauft hat, lief es meistens am besten“, sagt ein ehemaliges Redaktionsmitglied. Auf den mehrfachen Wechsel der Zuständigkeiten angesprochen, gibt Lorz zu Protokoll: „Wenn ein Weg nicht funktioniert, probiert man einen neuen aus. Die Wechsel waren Ausdruck dafür, dass wir an dieser Stelle alles versucht und das Magazin nicht gleich begraben haben.“ Dem entgegnet Friedrich: „Die Vermarktung oblag zeitweise Leuten, die das Magazin nicht kannten und daher unpassende Modelle vorgeschlagen haben. Die Vertriebler hätten für move36 ebenso brennen müssen wie die Redaktion und eine klare Strategie und Ziele benötigt. Dann hätte sich auch ein entsprechender Erfolg eingestellt.“

Die gedruckten Ausgaben in großen Mengen kostenfrei zu verteilen – in den ersten Jahren auch in „Partnerläden“ -, und sie gleichzeitig verkaufen zu wollen, leuchtete in der potenziellen Leserschaft vielen nicht ein. Zudem gab es kaum lokale Verkaufsstellen, der Ausflug über die Grossisten in die Regalen des Zeitschriftenhandels „war nicht nur kostspielig, sondern ein absolutes Desaster“, wie Lorz erklärt. Verkaufsstellen seien teilweise nicht ausreichend oder gar nicht beliefert worden, dafür landete die move36 mit ihrem Schwerpunkt auf die Region Fulda im Handel in Kassel. Einzelne lokale Wiederverkäufer direkt zu beliefern hätte laut Lorz nicht genügend „Grundrauschen“ gebracht. So kam es leider immer wieder vor, dass die Hefte keine Leser fanden. „Wir mussten oft Container bestellen, um hunderte Ausgaben wegzuschmeißen“, sagt ein ehemaliges Redaktionsmitglied. Fehler der Geschäftsleitung, kein nachhaltiges wirtschaftliches Konzept für move36 gefunden zu haben, möchte Lorz nicht ausschließen, allerdings: „Wir waren auch vom Parzeller Verlag beauftragt, neue journalistische Darstellungsformen zu entwickeln. Den Sinn des Projekts haben wir erfüllt.“

„Schlimmer als Stromberg“

Ein gewisses Chaos in der Kommunikation offenbarte sich auch für Außenstehende. Die vier Redakteure hatten bereits Ende September ihre Kündigungen erhalten, nach der Oktober/November-Ausgabe sollte es keine weiteren mehr geben und trotzdem konnte man auf der Internetseite noch gut vier Wochen lang Abos per Bestellformular abschließen. Die Abschiedsworte der Redakteure waren nur wenige Tage online, als die Seite mit allen Berichten, Reportagen und von der Geschäftsleitung gelobten Themenwelten gelöscht wurde und seitdem in den nunmehr verwaisten Youtube-Kanal führt. Die Arbeit von neun Jahren ist größtenteils fortgewischt. Als während des ersten Shutdowns die Schulen und damit die wesentlichen Verteilstationen für die gedruckte Ausgabe schlossen, ging move36 bei der gedruckten Ausgabe in Pause und die Redaktion in Kurzarbeit. Ein Teil arbeitete im Homeoffice, ein anderer Vorort im Verlag. Die Redaktion fühlte sich mit der Situation weitgehend allein gelassen, Nachfragen wie es laufe, ob Unterstützung seitens des Verlags nötig sei oder gar Anleitungen wie die weitere Arbeit zu organisieren sei, habe es nicht gegeben. „Da hingen wir ziemlich in der Luft.“ Die Geschäftsleitung habe jedoch angemerkt, dass auf der Internetseite zu wenig passiere. „Wir haben weiterhin tiefgehend recherchierte Artikel gebracht, das Portal war nie auf Tagesaktualität ausgerichtet. Zusätzlich haben wir die weiteren Kanäle wie Instagram und YouTube bedient, aber das haben die ‚Medienexperten‘ wohl nicht gesehen.“ Einige ehemalige Redaktionsmitglieder sind sichtlich frustriert, das Verhalten der eigenen Geschäftsleitung und das des Parzeller Verlags und die interne Kommunikation seien teilweise „schlimmer als bei Stromberg“ gewesen.

Mit der Hoffnung, Schulen könnten weiterhin geöffnet bleiben, gab es mit der Ende September erschienenen Ausgabe 86 rund um das Thema Berufsstart, Ausbildung, Beruf und Karriere ein letztes Aufbäumen. Die vom Verlag vorgegebenen Anzeigenerlöse sind dabei übertroffen worden; verantwortlich für den Verkauf war wieder die interne Buchhaltung der OBCC. Trotz des Teilerfolgs zog der Verlag letztendlich den Stecker. Als die Redakteure zwei Tage bevor die letzte Ausgabe in den Druck ging vom Aus erfuhren, wusste keiner, ob er nun arbeitslos ist oder im Anschluss eine Stelle in der Mediengruppe Parzeller findet. Wenige Tage später erfolgten mit einer Frist von vier Wochen die Kündigungen aller Redakteure, die Volontärin kam in der Agentur Heldenzeit unter. „Zum Zeitpunkt der Entlassungen gab es keine passenden Stellenangebote in der Mediengruppe Parzeller“, erklärt Lorz und verweist auf die allgemein angespannte wirtschaftliche Situation der Verlagsbranche.

Erst im Mai 2019 hatte sich die im Parzeller Verlag erscheinende Tageszeitung einem neuen Konzept verschrieben. Seitdem finden sich im Blatt Themenseiten, Terminjournalismus findet zwar noch statt, aber weniger als zuvor. Stattdessen sollen tiefer recherchierte Erzählstücke und „mehr Meinung“ die Plätze einnehmen, auf Seite eins stellen häufiger Lokalthemen die Schlagzeile, anstatt wie zuvor stets Meldungen der dpa.

Da sollten gut ausgebildete, crossmedial denkende und arbeitende Journalisten, die eine junge Zielgruppe ansprechen können, eine Medienmarke mit aufgebaut und etabliert haben, bestens ins Konzept passen. Stattdessen lässt man die Talente ziehen – ohne Verabschiedung und Dank für die gute Arbeit. Ihnen bleiben zumindest die Holzklötzchen mit den Werten der Mediengruppe Parzeller, die sie einmal geschenkt bekamen. Beim Punkt „Wertschätzung und Respekt“ steht zumindest „Wir zeigen Interesse aneinander. Wir grüßen uns und sagen ‚Danke‘, wenn jemand etwas für uns getan hat.“  +++ Jens Brehl

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5 Kommentare

  1. Spannende Recherche meines Namensvetters! Traurig, wie mit den wertvollen Inhalten und engagierten Autor:innen umgegangen wird. Und bezeichnend, dass die kleine Buchhaltung mehr auf die Kette bekommt als der große Verlag. Drücke die Daumen für ein Comeback und bessere Arbeitgeber: innen!

  2. “Schlimmer als Stromberg” ist ja eine Auszeichnung für den Verlag, die er sich so sicher nicht gewünscht hätte. Aber dass in Fulda niemand so ein Juwel richtig managen kann, das hätte ich Euch allen vorher sagen können. Für so ein Konzept hätte es – nach den Erfolgen – sicher auch Abnehmer in der Verlagslandschaft gegeben. Aber nicht mal für so einen Notverkauf hat es gereicht. Na ja, in Fulda ist sowas egal. Man sieht sich auf Ball der Stadt, gibt sich die five und die Welt ist wieder in Ordnung. So einfach ist das hier. Stromberg könnte noch viel lernen…

  3. Danke für die Aufklärung über ein sonst ganz sicher in der Schublade verschwundenen Themas.
    Herr Brehl hat Mut und Charakter!
    Weiter so!
    Zur Vorgehensweise in dieser Angelegenheit seitens der Verantwortlichen (wenn das so war) kann ich nur sagen: “Vorne hui, hinten pfui”.

    • Kann ihnen nur zustimmen. Die osthessische Medienlandschaft ist eigentlich keine. Die meisten sind Zuwendungsempfänger für brave Berichterstattung und Veröffentlichungen. Dank gilt auch fuldainfo, die schon mehr als 20 Jahre für solche Beiträge in der Region und darüber hinaus stehen. Wenn man den Rest in der Region betrachtet, kommt nur noch ein müdes lächeln. Außer Advertorials und ständige Selbstverherrlichung kaum Substanz. Als Beispiel: Uns hat ein verstörter Anwohner/Leser angerufen – lauter Knall – Explosion eines Autos – wenn das so wäre, wäre das Medium in der Nacht noch Vorort gewesen und nicht erst am Morgen, als es schon hell war. Die Einzigen, die dort anrufen, sitzen wahrscheinlich an zentraler Stelle, anders ist sich so einiges nicht zu erklären. Was Werbung angeht, muss diese sein keine Frage, sonst gibt es keine Nachrichtenportale, Zeitungen usw., aber sie darf kein Einfluss auf die Inhalte haben. Und das ist in Osthessen alles etwas anders. Außer hier. Ich könnte jetzt noch vielmehr schreiben, aber ich denke, das reicht auch so. Danke nochmals!

Demokratie braucht Teilhabe!