Charlotta Kurz: Ehrgeiz, der aus den Augen spricht

Charlotta Kurz
Im Spiel gegen PSG (Paris). Foto: privat

Sie ist jung. Verdammt jung. Sie ist talentiert. Verdammt talentiert. Sie ist ehrgeizig. Verdammt ehrgeizig. Es ist ein Ehrgeiz, der in ihren Augen funkelt. Ihre Seele spricht. Charlotta Kurz atmet Fußball. Das Mädchen, das Anfang Oktober 13 wird und in Neuenstein-Saasen wohnt, kickt für zwei renommierte Vereine. Seit zweieinhalb Jahren für den KSV Baunatal, künftig in der U13 - und auch für den Bundesligisten Bayer Leverkusen, jetzt in der zweiten Saison, und zwar in der B-Juniorinnen-Regionalliga West.

Eines vorab: Charlotta ist eine Top-Schülerin. „Ihr Notendurchschnitt beträgt 1,6“, sagt ihre Mutter Tabea. Sie kann den Stolz, der sich über das Gesicht der Lehrerin der Gesamtschule Obersberg in Bad Hersfeld legt, nicht übertünchen. Sie sagt noch mehr: „Wenn es in der Schule nicht läuft, wird das Training gestrichen.“ Jetzt klingt ihre Aussage wie ein Gesetz. Träte das ein, würde es Charlotta schmerzen. Vermutlich würde sie auch dem nacheifern und es so schnell wie möglich verbessern wollen. Darüber aber müssen sich die Eltern nicht sorgen; aktuell jedenfalls. „Sie lernt auch während unserer Fahrten“, ergänzt ihr Vater Matthias, „oder auch, wenn wir im Hotel sitzen“. Ehe Tabea einen Vergleich bemüht, der ins Herz trifft. „So ehrgeizig sie in der Schule ist, so ehrgeizig ist sie auch im Fußball.“ Und sie fügt Wegweisendes hinzu, kleidet das Ziel der Familie in Worte. „Deswegen haben wir gesagt, wir nehmen das Projekt Leverkusen an und probieren es.“

Warum entschied sich die Familie Kurz ausgerechnet für Leverkusen - und was macht das Kicken dort aus? Bayreuth hatte Charlottas Fähigkeiten bei einem der zahlreichen Sichtungstermine entdeckt, auch die Bundesligisten Leipzig, Wolfsburg oder Nürnberg hatten ihr Interesse an der begabten Nachwuchskickerin hinterlegt. Bayer Leverkusen aber bekam den Zuschlag. „Wir haben dort ein Probetraining, absolviert und Gespräche geführt. Das Angebot dort hat uns am meisten zugesagt“, betonen die Eltern unisono.

Nun werden bei Bayer die jungen Spielerinnen auf dem Weg ihrer Entwicklung zweimal pro Saison zu einem Gespräch gebeten - um sich besser einzuschätzen; bei Erwachsenen würde das vermutlich als Selbstreflexion oder Selbstwahrnehmung durchgehen. Auch Charlotta bekam Hilfen bei der Einordnung und ihrem aktuellen Stand. Sie kramt das unaufgefordert hervor, als eine Art Zeugnis und als Stationen ihrer Reifung. Wieder leuchten ihre Augen. Spätestens jetzt merkt man, dass sie Fußball riecht, fühlt oder schmeckt. Als „gut“ sind folgende Dinge aufgeführt: Entwicklung und Charakter. Spielübersicht. Ruhe am Ball. Technik. Unter der Rubrik „Möchte ich verbessern“ sind vermerkt: Zweiter Kontakt. Tempo. Lauter! Variation. Jetzt redet Charlotta. „Vor allem die beiden letzten Dinge hab‘ ich besser gemacht. Das Tempo auch.“ Sie wirkt nicht nur zufrieden, sie ist es auch. Und wieder leuchten ihre Augen.

Einiges hat sich getan in ihrer Entwicklung. Zum Positiven. Auch ihren Eltern ist das bei ihrer Tochter nicht verborgen geblieben. „In Baunatal ist sie mit den Jungs, die in ihrer Mannschaft spielen, jetzt auf Augenhöhe“, beobachtet ihr Vater, „und Charlotta hat ja eine Pferdelunge“ - das sehe man auch in Leverkusen. Beim dortigen Bundesligisten kickte sie vor Kurzem auch im Pokalfinale der höheren Altersklasse U15 mit - auch wenn der Gegner aus Köln eine Nummer zu groß war. Dadurch verpasste Charlotta das Endspiel „ihrer“ U13, das ihre Mitspielerinnen „für sie“ gewannen. Köln stellte übrigens eine Torhüterin, „die größer als ihr Papa war“. Matthias ist immerhin 1,82. „Am Anfang hatte ich ein bisschen Schiss“, bekennt die noch 12-Jährige freimütig, „am Ende habe ich Nationalspielerinnen von denen aber auch ein bisschen ausgespielt“. Ein Sinnbild des jungen Talents: Charlotta wächst und reift an ihren Erfahrungen. „Es ging darum, dass sie den Ball erobert“, erklärt ihre Mutter Tabea, einst eine erfolgreiche Fußballerin in Neuenstein, eine, die sich vor allem aufs Toreschießen verstand.

Charlottas Spielposition? Da ist sie vielseitig und flexibel. Auch da. In der Abwehr oder der rechten oder linken Außenbahn, manchmal auch auf der Sechs. Noch einmal kommen die Eltern ins Spiel. „Im Talentfördertraining achtete vor allem Eintracht Frankfurt darauf, beidfüßig zu sein“, lobt Matthias. Ja, auch bei der SGE trainierte Charlotta zur Probe. „Ihr Schuss mit dem rechten Fuß ist fester, der mit dem linken platzierter“, verfeinert Tabea. Und die muss es wissen und einschätzen können, das Feingefühl in der Klebe.

Noch ein Merkmal von Charlottas Reifung. „Wir haben einen Schwerpunkt in puncto Athletik gelegt“, ergänzt Matthias Kurz. Das umfasst Schnelligkeit, Reaktionsvermögen, Kräftigungsübungen und Koordination. Seit November vergangenen Jahres kniet sich seine Tochter da rein. Selbstständig betreibt sie diese Trainingsformen zweimal pro Woche - und einmal zusätzlich in Leverkusen.

Und überhaupt: Das Programm, das sich die Familie Kurz und Charlotta auferlegen, hat‘s in sich. „Ich hab‘ schon etwas mehr Freizeit als meine Tochter“, scherzt Matthias. Vier- bis fünfmal in der Woche knabbert sie allein an Trainingsterminen. Die sehen unter der Woche so aus. Montag: DFB-Stützpunkttraining in Bad Hersfeld; „eine eher entspannte Anreise“, bemerkt ihre Tabea, Trainer ist Martin Stein. Dienstag und Mittwoch: Training in Baunatal - hier sind der ehemals starke Angreifer Eugen Wagner und Tobias Sinzig die Trainer - oder alle zwei Wochen in Leverkusen. Oder aber steht ein Lehrgang mit der Hessenauswahl an. Etwa alle vier bis sechs Wochen mit letztgenannter Elite - die Termine in den Vereinen aber sind verbindlich. Schließlich leuchten Charlottas Augen. Donnerstags hat die Kurz-Family ausnahmsweise frei. Dafür hat es der Freitag nochmals in sich. Die Familie fährt nach Leverkusen. Charlotta und ihre Mutter fahren von der Schule nach Hause, laden den Rucksack ab und warten auf den Papa, der bald von seiner Arbeit kommt.Trainingsbeginn in Leverkusen ist um 18.30 Uhr. „Wir bleiben das ganze Wochenende da“, bekräftigen die Eltern. Samstag und Sonntag sind entweder ein Spiel, Leistungsvergleiche oder ein Turnier. Doch ab 1. August ändert sich etwas in der Ausrichtung: Die Kurz-Family, die bisher im Hotel übernachtete, bezieht eine Wohnung. Das ist etwas kostengünstiger. Neben dem zeitlichen macht sich natürlich der finanzielle Aufwand bemerkbar. Stress? Ja, aber Matthias relativiert diese Einschätzung. Denn er fährt am Wochenende, seine Ehefrau Tabea dienstags nach Baunatal und alle zwei Wochen nach Leverkusen - wobei auch sie grenzt ein: „Ich sitze ja daneben, Opa Rudi fährt.“

Künftig kickt Charlotta Kurz also in Baunatal in der U13 (also der D1) - und bei Bayer Leverkusen in der U16. Und wo soll es noch hingehen, welche Ziele hat sich die Kurz-Family gesetzt? „Wir wissen halt, für was wir es tun“, antwortet Matthias, „es zahlt sich letztlich aus. Wir haben es bisher letztlich nicht bereut, weil Charlotta ja auch ein gewisses Talent mitbringt.“ Auch die Zukunft bezieht er ein. Kann Charlotta den steinigen und harten Weg „nach oben“ schaffen? „Wir haben gewisse Ziele vor Augen. Ein Ziel ist, sie weiterhin zu pushen. Dass sie weiterhin an sich arbeitet, Das Familiäre und die Schule stehen aber im Vordergrund. Das muss alles passen.“ Bisher tut es das ja.

Ein Highlight in Charlottas frischem Fußball-Leben waren sicher die Einladungen zu Camps des FC Bayern München. Ende April im vergangenen Jahr - und Anfang März diesen Jahres war es soweit. Zu Leverkusen zu gehen, war da schon fix - aber das Ambiente und die Erfahrungswerte in der bayerischen Landeshauptstadt wollte sich die Familie nicht entgehen lassen. Zurück blieb ein tolles Erlebnis, Horst Heldt war präsent, auch Philipp Lahms Sohn Julian. Fabio Rummenigge, der Sohn des Ex-Geschäftsführers und deutschen Nationalspielers, hatte die Einladung übrigens verschickt - und er ließ in seiner Replik durchaus Interesse an Charlottas Mitwirken durchblicken, machte aber auch klar, dass der Verein keine Spielerinnen mit mehr als 150 Kilometer Entfernung holt, und jetzt auch nicht. Später vielleicht. Auch bei Eintracht Frankfurt trainierte sie, wie oben erwähnt, zur Probe. Ganz frisch ist ihr dreitägiger Aufenthalt in Köln. Beim Camp der „Skiller‘s Academy“.

Blicken wir voraus. Nein, nicht ganz. Zunächst betonen Charlotta, Mutter Tabea und Vater Matthias den familiären Wohlfühl-Aspekt in Leverkusen, deren Erste Mannschaft Vierter der jüngsten Bundesliga-Saison wurde. „Wir fühlen uns dort wohl“, sagen sie. Ein Beispiel: Ulrich Bergmann, Abteilungsleiter Mädchen- und Frauenfußball bei Bayer, drückte Charlotta schon im „zweiten oder dritten Training“ - so ganz genau wissen das alle nicht mehr - ein Köfferchen in die Hand. Mit vollumfangreicher Ausrüstung und Trainingsbekleidung. Alles war drin. Und mehr. Symbolisch auch das Herz, sich in neuer Umgebung heimisch zu fühlen.

Nun zur neuen Saison. „Charlotta ist die Zweitjüngste in der neuen Mannschaft“, sagt ihre Mutter. Amadou Koita, Trainer des Teams, machte schon klar, es werde jetzt nach Leistung aufgestellt. Die tritt in der Regionalliga West an, zwölf Teams gehören der Klasse an, Bayer gastiert zur Saisoneröffnung am 6. September beim SSV Rhede, Heimpremiere ist am 11. Oktober gegen Alemannia Aachen. Eine Richt- oder Orientierungshilfe hat Charlotta Kurz bereits. Wenn ihr Trainer plötzlich „Charlie“ ruft, weiß Charlotta, dass sie gemeint ist. „Er hat sie umgetauft“, erklärt Tabea. Doch auch ihre Tochter hinterließ eine kleine Duftmarke. Sie bestand darauf, „Charlie“ mit „..ie“. Und nicht mit „…y“. Es scheint, als würde ihre Zeitreise bei Bayer Leverkusen noch lange kein Ende finden. +++ rl


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