Bundesbank erwartet Anstieg der Inflation auf zehn Prozent

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Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Joachim Nagel, erwartet einen Anstieg der Inflationsrate auf zehn Prozent. „Der Tankrabatt und das Neun-Euro-Ticket laufen aus, das dürfte die Inflationsrate um gut einen Prozentpunkt erhöhen. Die Gasumlage kommt, im Gegenzug soll die Mehrwertsteuer auf Gas gesenkt werden, was wiederum die Preise dämpft. In Summe ist in den Herbstmonaten sogar eine Inflationsrate von zehn Prozent möglich“, sagte Nagel der „Rheinischen Post“.

Er machte auch die historische Dimension deutlich: „Zweistellige Inflationsraten wurden in Deutschland das letzte Mal vor über siebzig Jahren gemessen. Im vierten Quartal 1951 waren es nach den damaligen Berechnungen elf Prozent.“ Nagel ergänzt: „Für das gesamte Jahr 2022 sehen wir die Inflationsrate in der europäisch harmonisierten Berechnung in Deutschland bei über acht Prozent.“ Auch im kommenden Jahr könnte die Inflation höher ausfallen als bislang erwartet: „Das Thema Inflation wird 2023 nicht verschwinden. Lieferengpässe und geopolitische Spannungen dürften fortwirken. In unserer Juni-Projektion erwarteten wir für 2023 eine Teuerung von 4,5 Prozent. Inzwischen hat Russland seine Gaslieferungen drastisch reduziert, und die Preise für Erdgas und Elektrizität sind stärker gestiegen als erwartet. Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass die Inflation höher ausfällt als bislang prognostiziert und wir im nächsten Jahr im Schnitt eine Sechs vor dem Komma haben“, sagte der Bundesbank-Präsident weiter. Ob sich die Lage 2024 beruhigt, ist offen: „Der EZB-Rat ging in seiner Juni-Projektion davon aus, dass wir im Jahr 2024 im Euroraum wieder eine Inflationsrate von knapp über zwei Prozent haben werden. Die Unwägbarkeiten sind derzeit aber ausgesprochen hoch“, mahnte Nagel.

DIW erwartet jahrelangen Wohlstandsverlust

Ökonom Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, sieht die Deutschen angesichts der anhaltenden Konsumflaute vor einer langen Durststrecke. Der „Preisschock“ sorge für einen „permanenten Wohlstandsverlust“ in großen Teilen der Bevölkerung, sagte Fratzscher dem „Spiegel“. „Gerade für die unteren 40 Prozent der Gesellschaft, die nahezu ihr gesamtes Einkommen für ihren Lebensunterhalt ausgeben und kaum etwas sparen. Sie konsumieren alles nicht unbedingt Lebensnotwendige künftig deutlich zögerlicher bis gar nicht mehr.“ Aufgeschreckt durch Krieg, Gaskrise und Inflation halten die Deutschen derzeit ihr Geld zusammen wie seit Jahrzehnten nicht. Das Statistische Bundesamt meldete für den Monat Juli den größten Umsatzeinbruch im Einzelhandel seit 1994. Die Marktforscher der GfK sagen für August ein Konsumklima von minus 30,6 vorher – ein „nie dagewesenes Szenario“ und ein „Absturz, wie wir ihn selbst zu Coronazeiten nicht erlebt haben“. Damals lag ihr Index maximal bei minus 23, normalerweise pendelt er um die zehn Punkte plus. Fratzscher erwartet, dass die Depression bis zur Mitte des Jahrzehnts anhalten könnte. Eine Abwärtsspirale habe sich in Gang gesetzt: „Eine hohe Inflation drückt die Kauflaune der Kunden, das sorgt für weniger Geld bei den Unternehmen, um zu investieren. Das könnte eine Abwärtsspirale mit einer für ein oder zwei Jahre anhaltenden schwachen Wirtschaftsleistung in Gang setzen“, so Fratzscher. Wenn Menschen mit geringen Einkommen weniger ausgäben, dann ist das gesamtwirtschaftlich viel wichtiger, als wenn die oberen zehn Prozent sparten. +++


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