Bilanz der Ausgrabungen in der Langenbrückenstraße

Feuchter Boden konservierte Holz und Alltagsgegenstände aus dem späten Mittelalter

Die Gegend um die Fuldaer Langebrückenstraße gilt als Eldorado der lokalen Archäologie: Hier machte der „Spatenprofessor“ Dr. Joseph Vonderau (1863-1951) um die Wende zum 20. Jahrhundert aufsehenerregende Funde aus der Frühzeit des Klosters Fulda, und hier wurden Archäologen im Zusammenhang mjt einem Bauprojekt in Bereich des Anwesens Langebrückenstraße 14 auch jetzt wieder fündig. Allerdings reichten die ältesten Funde diesmal „nur“ bis etwa ins 12. Jahrhundert zurück. Experten wie der Fuldaer Stadt- und Kreisarchäologe Dr. Frank Verse vermuten, dass sich der von Vonderau einst untersuchte Bereich, der im Geländeniveau einige Meter höher liegt als das jetzige Baustellenareal, wesentlich früher in Nutzung durch den Menschen befand als die Fläche in Richtung Fulda, die wohl häufiger überschwemmt war.

Gleichwohl machten die Archäologen um den Grabungsleiter Dr. Thilo Warnecke in der feuchten Erde einige interessante Funde, die nun noch weiter analysiert und ausgewertet werden müssen. Bei einem Pressetermin vor Ort erläuterte Warnecke die günstige Konstellation am Rand der Fulda-Aue, wo eine dauerfeuchte, schlickige Erdschicht unter günstigen Umständen auch organisches Material wie Holz, Leder oder Knochen über Jahrhunderte hinweg konservieren kann.

So präsentierte Warnecke unter anderem das Fragment eines Kugeltopfs, wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert, eine Ofenkachel aus dem 15. Jahrhundert sowie einen sogenannten Gleitknochen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert – eine frühe Form des Schlittschuhs, bei dem der Oberschenkelknochen eines Rindes unter die Schuhe geschnallt wurde. Zu den Besonderheiten der Funde gehört auch eine Gürtelkette aus Messing, die wohl im 16. Jahrhundert getragen wurde. Die Zahl und Art dieser Funde lässt darauf schließen, dass das Gelände zumindest vorrübergehend auch als Müllkippe diente. Die kaputte Ofenkachel etwa gehörte sicher zu einem Ofen, der irgendwo in einem der Stadthäuser des 15. Jahrhunderts stand. Für eine dauerhafte Besiedlung des Areals an der Langebrückenstraße zu dieser Zeit fanden sich jedenfalls keine Belege.

Bekannt ist, dass auf dem Gelände seit 1840 die Tuchfabrikation Schwarz ansässig war, 1890 baute der Fabrikant Schmitt dort seine Textilfabrik. Über die Nutzung des Areals vor 1840 ist dagegen wenig überliefert, der Jestädtsche Katasterplan von 1727 weist an dieser Stelle Gartenland aus. Aus der Zeit der frühen Industrialisierung ist noch ein aus Sandsteinblöcken gebautes Fundament erhalten geblieben, das auf der stabileren Schicht des sogenannten Fulda-Kies gegründet war und einst offenbar eine schwere Dampfmaschine trug.

Zu den umfangreichsten und wohl wichtigsten Funden der jüngsten Grabung zählen fünf, aus Holzpfählen und Schalbrettern gefertigte, etwa einen Meter tiefe Kästen sowie einige weitere längliche Holzstrukturen, die möglicherweise mit einer bestimmten Wasserführung oder auch mit einem Gewerbe in Zusammenhang stehen. Die rund 700 in diesem Zusammenhang entdecken Holzpfähle und -bretter stammen vermutlich aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, eine genaue Datierung ist erst durch eine naturwissenschaftliche Analyse möglich. Die wissenschaftliche Dokumentation, Auswertung und Einordnung der Funde wird noch mehrere Monate in Anspruch nehmen.

Die geplante Bebauung des Geländes wird indes schon in Kürze starten können. Die Investoren für das Wohnbauprojekt, die Unternehmerfamilien Burg und Geisendörfer, zeigten sich vor Ort erfreut über die Funde und zugleich erleichtert, dass die archäologischen Untersuchungen, bei den zeitweise bis zu zwölf Grabungsmitarbeiter involviert waren und deren Kosten die Bauherren zu tragen haben, im vorgesehenen Zeitrahmen abgeschlossen werden können. +++ pm/jo

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