Antonius: Wohnprojekt „Gartenhäuser – Leben in Nachbarschaft“ mit Patenschaften

Rund ein Dutzend Patinnen und Paten fördern aktuell das Projekt Gartenhäuser, darunter (von links) die antonius Führungsgemeinschaft (vertreten durch Silke Gabrowitsch), Christoph Werner (WERNER-Gruppe), Thomas Sälzer und Thorsten Hopf (beide VR Bank), Patrick Tetzlaff (Sichau & Walter Architekten), Kristin Wehner-Rundshagen (GROMA), Christin und Stefan Nebel, Björn Leutke (Leutke Gebäudereinigung), Johannes Hohmann und Roger Eichenauer (beide Herm. Hohmann Baudekoration). Nicht auf dem Bild: Marco Bug (Muth & Partner), Matthias Heurich (Heurich Getränke-Fachgroßhandel), Sigrun Stosius (Metzler-Stiftung) und Hermann Pönitzsch. Foto: Ralph Leupolt

Es ist ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält: Menschen mit geistiger Behinderung könnten nicht allein wohnen. Johanna Müller kennt diesen Satz gut. Die 21-Jährige hört ihn oft – und widerlegt ihn jeden Tag aufs Neue. In ihrer eigenen Wohnung, in den „Gartenhäusern“ von antonius, führt sie ein Leben, das sie selbst gestaltet. Nicht allein, aber eigenständig. Möglich macht das auch eine stille, aber wirkungsvolle Unterstützung aus der Stadtgesellschaft: Patinnen und Paten, die das Projekt mittragen.

Was hier in Fulda entstanden ist, wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Ein paar Häuser, moderne Wohnungen, ein gewachsenes Quartier. Und doch steckt dahinter eine Idee, die größer ist als ihre Architektur: eine Nachbarschaft, die füreinander einsteht – und Inklusion nicht organisiert, sondern lebt.

Im Winter 2025 wurde das Projekt erweitert. Vier neue Häuser mit 29 Wohnungen sind hinzugekommen. Menschen mit und ohne Behinderung leben hier Tür an Tür, teilen Alltag, Wege und Begegnungen. Ein Modell, das inzwischen über die Region hinaus Aufmerksamkeit findet.

Johanna Müller ist eine von ihnen. Für ihren Weg in die Selbstständigkeit hat sie einiges hinter sich gelassen: ihr Elternhaus in Wiesbaden, vertraute Strukturen, Sicherheiten. In Fulda begann sie an der Arbeitsschule „Startbahn“, bereitete sich auf ihr Berufsleben vor. Zwei Jahre lebte sie in einer Trainingswohnung – ein Zwischenschritt, begleitet, aber mit wachsender Eigenverantwortung. Anfang Januar 2026 dann der nächste Schritt: die eigene Wohnung.

„Putzen, Kochen und Waschen kann ich super“, sagt sie und lächelt. Im Sommer beginnt sie eine Ausbildung in der Hauswirtschaft. Doch Selbstständigkeit bedeutet für sie auch, die eigenen Grenzen zu kennen. „Alles rund ums Geld checke ich überhaupt nicht“, gibt sie offen zu. „Zum Beispiel den Kontoauszug. Da hole ich mir Hilfe.“

Genau hier setzt das Konzept der Gartenhäuser an. Es folgt einem einfachen, fast radikalen Prinzip: Erst die Eigenregie, dann die Unterstützung durch die Nachbarschaft – und nur wenn nötig professionelle Hilfe. Für Projektleiter Björn Bierent ist das mehr als ein organisatorischer Ansatz. „Die Idee ist, dass sich die Nachbarinnen und Nachbarn im Alltag gegenseitig unterstützen und aufeinander achten“, sagt er. „Das reduziert nicht nur den Bedarf an Fachkräften, sondern wirkt auch Einsamkeit entgegen. Jeder kann etwas beitragen.“

Wie das aussieht, zeigte sich schon beim Einzug. Kartons wurden gemeinsam geschleppt, Werkzeuge geteilt, handwerkliche Tipps ausgetauscht. Kleine Gesten, die ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen lassen – und aus Nachbarn ein Netzwerk machen.

Die Gartenhäuser schließen damit eine Lücke zwischen klassischen Wohnformen. Menschen mit Behinderung leben sonst häufig entweder in Wohngemeinschaften mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung oder im ambulant begleiteten Wohnen mit festen Unterstützungszeiten. Hilfe auf Abruf, eingebettet in eine funktionierende Nachbarschaft – das ist neu.

Im Alltag bedeutet das: Jemand fährt mit zur Physiotherapie, hilft beim Reinigen des Treppenhauses oder begleitet einen Spaziergang. Was andernorts Aufgabe professioneller Assistenz wäre, wird hier Teil des Miteinanders.

Damit die Gemeinschaft wächst, braucht es mehr als gute Absichten. Regelmäßige Treffen, gemeinsame Aktivitäten und digitale Vernetzung sorgen dafür, dass niemand aus dem Blick gerät. „Wir schreiben in unserer Gruppe, wenn etwas ansteht oder jemand Hilfe braucht“, erzählt Johanna Müller. „Oder wenn man einfach nicht allein spazieren gehen will.“

Doch Gemeinschaft allein bezahlt keine Miete. Gerade barrierefreier Wohnraum ist teuer, oft teurer, als es Menschen mit geringem Einkommen stemmen können. Hier greift ein solidarisches Modell: Patenschaften.

Mehr als ein Dutzend Fuldaerinnen und Fuldaer unterstützen das Projekt finanziell. Sie übernehmen monatlich die Differenz zwischen Sozialmiete und tatsächlichen Kosten – Beträge im unteren dreistelligen Bereich, die sich summieren und den entscheidenden Unterschied machen.

Die Motivation der Unterstützer ist dabei klar: Ein gutes Wohnumfeld und eine stabile Gemeinschaft geben Sicherheit, schaffen Freiheit und stärken die Menschen auch in anderen Lebensbereichen, etwa im Beruf. Einige engagieren sich nur für eine begrenzte Zeit, andere langfristig. Und viele bleiben nicht nur Geldgeber, sondern Teil des Projekts, werden informiert, begleiten Entwicklungen.

Für die Verantwortlichen ist das keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Vertrauensbeweis – und ein Signal, dass die Idee trägt. Die Gartenhäuser sind mehr als ein Bauprojekt. Sie sind ein Versuch, gesellschaftliches Zusammenleben neu zu denken: weniger institutionell, mehr menschlich.

Oder, wie es Johanna Müller lebt: selbstständig, aber nicht allein. +++


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