100 Jahre Städtische Volkshochschule

Festakt zum Jubiläum im Kanzlerpalais

Dr. Heiko Wingenfeld

Etwa 120 Geladene aus der Landes- und Kommunalpolitik, Bildung, Verwaltung sowie den städtischen Gremien hatten sich gestern Abend anlässlich des Festaktes zum 100-jährigen Bestehen der Städtischen Volkshochschule (VHS) Fulda im vhs-Forum des Kanzlerpalais versammelt, um gemeinsam auf den Entstehungskontext der Bildungsstätte zu blicken sowie Vergangenes in teilweise unruhigen Zeiten der Deutschen Geschichte Revue passieren zu lassen. Als Festredner konnte der Oberbürgermeister der Stadt Fulda Dr. Heiko Wingenfeld den seit dem Jahr 2000 in Fulda lebenden Theologen und Philosophen Dr. Phil. Christoph Quarch begrüßen. In seinem Impulsvortrag unter dem Titel „Mensch – werde wesentlich“ – Welche Bildung braucht das 21. Jahrhundert?“ gab der Bestsellerautor Anregungen, warum Volkshochschulen, um ihren Bildungsanspruch nachkommen zu können, als ein „Ort der Begegnung“ gesehen werden sollen.

Zu Beginn seiner Begrüßungsrede zum 100-jährigen Jubiläum der städtischen Volkshochschule Fulda erinnerte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld mit dem Vollzug der Entscheidung des Austrittes von Großbritannien aus der Europäischen Union zum 31. Januar 2020 an einen „denkwürdigen Tag“. Der Blick in die Geschichte, so Oberbürgermeister Wingenfeld, soll uns in der Tat dazu dienen, um geschichtliche Anlässe einerseits zu würdigen – andererseits, um sie zu nutzen, um nach Orientierung zu suchen, in Gegenwart und Zukunft, hierzu sollte der gestrige Abend einen wesentlichen Beitrag leisten. Oberbürgermeister Wingenfeld wertete das vielzählige Erscheinen und damit das große Interesse an der Feierstunde zum 100-jährigen Jubiläum der Volkshochschule als „enge Verbundenheit zur Stadt“, im besonderen Maße aber zur „Institution Volkshochschule“.

Oberbürgermeister Wingenfeld begrüßte die Anwesenden, darunter auch viele Ehemalige der Volkshochschule Fulda. Besonders begrüßt wurden neben der Ersten Bürgerin der Stadt, Frau Stadtverordnetenvorsteherin Margarete Hartmann, sowie ihre beiden Vertreter, Dr. Franz-Georg Trabert als aktueller Leiter der Volkshochschule Fulda sowie zuständiger Fachbereichsleiter für Politik, Gesellschaft, Kultur und Gestalten, seine Vorgänger im Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Fulda, Gerhard Möller, Dr. Alois Rhiel sowie Dr. Wolfgang Hamberger. Vom Landkreis Fulda wurden stellvertretend für die Gremien des Landkreises Helmut Herchenhan als Kreistagsvorsitzender sowie Joachim Janshen als Kreisbeigeordneter namentlich willkommen geheißen.

100 Jahre Volkshochschule sei, so Oberbürgermeister Wingenfeld, ein Thema, in dessen Kontext viele Persönlichkeiten – insbesondere in den letzten Jahrzehnten – dazu beigetragen haben, dass sich die Volkshochschule, wie sie heute existiere, in dieser Weise entwickeln konnte. In seiner Rede unter der Überschrift „100 Jahre Städtische Volkshochschule“ erinnerte er mit dem Feierlichen Festakt am 6. Januar 1920 unter dem damaligen Fuldaer Oberbürgermeister Dr. Georg Antoni (1894 – 1930) im Stadtsaal der Orangerie an die Gründung der Städtischen Volkshochschule. Am 9. September 1919 haben sich auf Initiative des damaligen Landesbibliothekaren Dr. Aloys Ruppel etwa 50 Persönlichkeiten zusammengefunden, um über die Errichtung einer Volkshochschule in Fulda zu beraten. Unter den Persönlichkeiten waren Vertreterinnen und Vertreter der Fuldaer städtischen Körperschaften, Schulleiter, Geistliche, Repräsentanten der Vereine und Berufsorganisationen sowie Vertreterinnen und Vertreter der Presse.

Volkshochschule untrennbar mit dem Aufbau der Deutschen Demokratie verbunden

Der Gründungsakt erfolgte unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. „Dass die Gründung der Städtischen Volkshochschule so unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erfolgte, steht auch dafür, dass die Volkshochschule untrennbar mit dem Aufbau der Demokratie in Deutschland verbunden ist“, so Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld anlässlich des Jubiläumsaktes zum 100-jährigen Bestehen der Städtischen Volkshochschule Fulda in Fulda. Dass die Städtische Volkshochschule Fulda so unmittelbar nach den so einschneidenden Erlebnissen auf den Weg gebracht werden konnte, sei etwas, so der Oberbürgermeister, das uns heute noch zu denken geben sollte. „Es ist wirklich beeindruckend, wie schwungvoll und engagiert sich die Anfänge der Fuldaer Volkshochschule entfalteten. Man plante im Rhythmus von Trisemestern, während es heute nur noch Semester gibt. Die Vorträge erschreckten sich auf acht verschiedene Wissensgebiete ähnlich wie an der Universität“, stellte Oberbürgermeister Wingenfeld heraus. So gab es beispielsweise eine Vortragsreihe „Buch und Bildung“ unter der Überschrift „Allgemeine Wissenschaftskunde“. In Religionsphilosophie gab es einen Vortrag zu „Bibel und Wissen“ und in den Naturwissenschaften fand sich eine Reihe zur Darwinischen Entwicklungslehre.

Insgesamt gab es an der Volkshochschule der Stadt Fulda ein detailliertes Vortragsangebot. So wurde die Weimarer Reichsverfassung ebenso erläutert, wie die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert. „Wenn man im ersten Programm blättert, spürt man, dass sich die Förderer der Volkshochschule an einem universitären Bildungskanon orientiert haben, der popularisiert wurde, weshalb die Programme der Städtischen Volkshochschule auch als Vorlesungsverzeichnisse bezeichnet wurden.“ Als Unterrichtsgebäude hatte die Stadt die Domschule zur Verfügung gestellt. Teilweise fanden die Unterrichtseinheiten aber auch in der Landesbibliothek, den Turnhallen oder auch im großen Stadtsaal statt, um die Fülle der eingeschriebenen Hörerinnen und Hörer unterzubringen.

Unter dem Leitsatz „Was will die Volkshochschule?“ schrieb Aloys Ruppel, dass die Volkshochschule eine Arbeitsgemeinschaft von Geistes- und Handarbeitern gewesen sei. Ziel sei die Schaffung einer das ganze Volk umfassenden Gemeinsamkeit des geistigen Lebens gewesen. „Die Volkshochschule wolle nicht in erster Linie Bildungsstoffe vermitteln, sondern zu seiner Beherrschung und Fruchtbarmachung anleiten“, zitierte Oberbürgermeister Wingenfeld den damaligen Landesbibliothekaren. Der Bildungshunger der Fuldaer Bevölkerung schien in dieser Zeit groß gewesen zu sein; Manche Vorträge fanden vor mehr als 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im großen Stadtsaal statt, zuweilen mussten diese samstags wiederholt werden. Zusammengefasst kann man sagen, dass das ganze Jahr 1920 unter dem Eindruck des kulturpolitischen Ereignisses „Gründung der Städtischen Volkshochschule“ stand.

Nur wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es in Fulda Vorbereitungen zur Wiedergründung der Volkshochschule

Die Weiterentwicklung der Städtischen Volkshochschule ist für die 20iger Jahre nicht hinreichend dokumentiert und auch nicht aufgearbeitet worden. Das Inflationsjahr 1923 und die Krisenjahre danach haben der Erwachsenenbildung sehr geschadet. Mit dem Übergang der Weimarer Zeit zum Nationalsozialismus 1933 ist die Städtische Volkshochschule gleichsam eingeschlafen. Eine formelle Schließung durch die Nationalsozialisten ist, wie sie anderenorts erfolgte, für Fulda nicht dokumentiert. Doch wenige Monate nach dem Ende des zweiten Weltkrieges gab es in der Stadt Fulda Vorbereitungen zur Wiedergründung der Städtischen Volkshochschule. Am 3. Dezember 1945 kann es auf Initiative des damaligen Oberbürgermeister Dr. Cuno Raabe (1946 – 1956) und dem damaligen Oberschulrat Franz Hilker zu einem Treffen gekommen sein, in dem sich interessierte Persönlichkeiten zusammengefunden hatten, um die Möglichkeiten einer Wiedergründung der Volkshochschulen zu erörtern. Ziel des Oberschulrates Franz Hilker soll es gewesen sein, besonders die junge Generation zu bilden, die in den letzten 12 Jahren (In der Zeit der Hitler Diktatur) erwachsen geworden war. Angestrebt worden sein soll die aktive Teilnahme der Arbeiterschaft und der jüngeren Menschen. Demnach gab es: Wissenschaftliche Vortragsreihen, die zur Erkenntnis unserer heutigen Lage führen sollen, Weiterbildungskurse für die werktägige Bevölkerung, Besondere Lehrgemeinschaften für Jugendliche und Veranstaltungen, in die Vereine und Gesellschaften einbezogen werden sollten wie beispielsweise der Fuldaer Geschichtsverein und die Biologische Gesellschaft. „Die Volkshochschule will im neuen Geiste und mit neuen Mitteln eine Fortsetzung der Volkshochschule sein, die schon einmal nach dem ersten Weltkrieg in Fulda bestanden hat“, zitierte Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld Franz Hilker.

Im Frühjahr 1946 gab es einen öffentlichen Aufruf an die Bürger, Vorlesungsverzeichnisse aus der Zeit der Weimarer Republik herbeizubringen. Zum einen, um an dieser Tradition aus 1929 anzuknüpfen, zum anderen, um aus rein pragmatischen Gründen aus den Erfahrungen der ersten Volkshochschule von 1920 zu lernen. Nachdem die amerikanische Militärregierung in Fulda ihre Genehmigung erteilt hatte, nahm die Volkshochschule Fulda am 20. Mai 1946 ihre Arbeit auf. Dr. Heiko Wingenfeld: „Es ist unbestreitbar, dass den Volkshochschulen bei der Entnazifizierung und dem Aufbau eines demokratischen Staatswesens eine wesentliche Aufgabe zugewiesen wurde. Die amerikanische Besatzungsmacht interessierte sich lebhaft für ihre Programme und leistete tätige Unterstützung. Es war die Zeit, in der das US-Informationscenter in vielen Städten dabei half, Büchereien und Filmvorführungsstätten einzurichten, die im Volksmund als ‚Amerika-Häuser‘ bezeichnet wurden. Ein solches Amerika-Haus wurde auch in Fulda eingerichtet. ES befand sich zentral gelegen in der Rabanusstraße in einer repräsentativen Villa, an der Stelle, wo sich das spätere Kaufhaus ‚Kerber‘ heute ‚Kaufhof‘ befand.“

Volkshochschule als Impulsgeber kultureller Entwicklungen

In den folgenden Jahren, so Oberbürgermeister Wingenfeld, hat die Volkshochschule viele Impulse zur kulturellen Entwicklung der Stadt gegeben. Immer wieder wird verwiesen auf die Beliebtheit der sogenannten „schöngeistigen Kurse“ (Literatur, Kunstgeschichte und Musik). Erwähnenswert sind auch die Initiativen, die von der Volkshochschule ausgehend zur Gründung weiterer Institutionen geführt haben, die auch heute noch bestehen. 1954 kam es zur Einführung einer Jugend-Volkshochschule. Das noch heute bestehende Kammerorchester der Jugend war zunächst eine Veranstaltung der Volkshochschule. Auch spielte die musikalische Erziehung eine große Rolle, bevor es in den späteren Jahren zur Gründung der Städtischen Musikschule kam.

Fulda verliert Status als kreisfreie Stadt – Volkshochschule gelangt in Trägerschaft des Landkreises

„Eine einschneidende Zäsur für die Stadt war es, als 1972 Fulda ihren Status als kreisfreie Stadt (seit 1834) verlor und gleichsam als größte Gemeinde dem Landkreis angegliedert wurde. Die Trägerschaft der Volkshochschule fiel damit neben anderen Einrichtungen an den Landkreis. Dieser Zustand währte bis ins Jahr 1977, als es Fulda neben sieben anderen hessischen Städten gelang, ihre Autonomie weitgehend zurückzuerhalten, in dem sie den Status einer „Sonderstatusstadt“ erkämpfte. Neben anderen Einrichtungen wurde auch die Volkshochschule wieder ausgekreist und in städtische Trägerschaft zurückgeführt. Die Bildungseuphorie der 70er Jahre und die Verbesserung der finanziellen Rahmenbedingungen durch das Hessische Erwachsenen Bildungsgesetzt von 1970 ermöglichten es, die Volkshochschule im Sinne einer weiteren Professionalisierung auszubauen. Die Volkshochschule bekam mit Ingo Schaumburg einen neuen Leiter, der die Einrichtung bis ins Jahr 2000 leitete. 2001 folgte ihm Dr. Franz-Georg Trabert. Schrittweise konnte auch die räumliche Ausstattung der Städtischen Volkshochschule verbessert werden. Während in ihrer ganzen Geschichte die Volkshochschule gleichsam als Untermieter in städtischen oder schulischen Räumen in den Abendstunden untergebracht war, wurde das historische Kanzlerpalais (Unterm Heilig Kreuz) zum Herzstück der Volkshochschule, das Verwaltungssitz und Hauptunterrichtsstätte der Bildungseinrichtung ist.

Volkshochschulen als Orte der Begegnung

Um ihren Bildungsansprüchen auch in Zukunft gerecht werden zu können, müssen Volkshochschulen Orte zwischenmenschlicher Begegnungen sein“, stellte Dr. Christoph Quarch heraus. Demnach gehe es nicht so sehr darum, bestimmte Fertigkeiten oder Kompetenzen zu vermitteln, die dem Menschen die Integration zur gesellschaftlichen Teilhabe ermöglicht. In diesem Zusammenhang Quarch von einer Bildung des Geistes, als eine höhere Bildung sprach, die an jenen Orten vermittelt werde, wo Menschen einander begegnen und wo man über Fachgrenzen hinausgehe, indem man geistige Nahrung anbiete und Räume für Diskurse öffne. Und das scheint mir auch noch 100 Jahre nach der Gründung der Volkshochschule im 21. Jahrhundert das zu sein, worauf es heute mehr denn je ankommt. Dafür brauchen Volkshochschulen aber politische Unterstützung. Es müsse um Qualität gehen und nicht um ökonomische Brauchbarkeit. Ist dies gegeben, dann werden Volkshochschulen das leisten können, was für diese Gesellschaft ein kostbarer Beitrag ist: Die Stärkung des Gemeinsinns. Anspruchsvolle Bildung sei nach Quarch nichts Elitäres. In einer Volkshochschule muss sie an ein jedermann adressiert sein. Nur sollte Bildung dem Anspruch gerecht werden, dem Menschen auch wahrhaftig etwas zu sagen haben. Dass dies möglich ist, zeigen Programme von Volkshochschulen und die Volkshochschule Fulda, doch sei dies etwas, was man kultivieren und pflegen müsse, wofür es wiederum den entsprechenden Raum bedürfe. Quarch ermutigte die Menschen, die der Volkshochschule nahestehen, ihre Volkshochschule zu einem Ort des Gemeinsinns werden zu lassen, an dem Bürgerinnen und Bürger zusammenkommen können, um sich in zwischenmenschlichen Beziehungen geistig zu nähren. +++ jessica auth

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