| NSU liebt NSU |
Köln/ Berlin/ Neckarsulm. Manchmal kommt im Leben alles zusammen. Unglaubliches, Irrsinn, Zufälle oder einfach nur eine gute Nase. Der diplomierte Aktenvernichter Karl-Heinz Mehrfeld, in seinem Heimatdorf Zebach als "Schredder-Carlos" hoch geschätzt, beschäftigte sich von Kind an mit der Frage: "Wo und wie verstecke ich etwas, damit es niemand findet?". Schnell fand er heraus, dass der beste Platz der sei, wo es niemand vermuten würde. Angefangen hatte alles damit, dass sich seine Geschwister stets an den von seiner Patentante Paula mitgebrachten Süßigkeiten zu vergreifen versuchten, und er sich deshalb immer wieder gezwungen sah, neue Verstecke zu finden – schließlich wollte er nicht leer ausgehen.
Umgekehrt besaß er im Vergleich zu seinen Freunden stets recht gute Ideen, wo etwas zu finden war, wenn es gerade gesucht wurde. Seine intensive Beschäftigung mit den Motiven des Versteckens, gar dem restlosen Beiseiteschaffens von Dingen, bescherte ihm interessante Ansichten: Er hatte nämlich mit der Zeit herausbekommen, dass sich Menschen, die wichtige wie wertvolle Sachen verbergen – gar zerstören –, meist in einem gewissen Akzeptanzkrieg mit diesen befinden; manche von ihnen sogar unter dementsprechenden Identitätskrisen leiden. So beschäftigte er sich vor ein paar Jahren einmal mit der Aufklärung eines Falles, bei dem ein Mann aus dem wertvollen Pelzmantel seiner Frau das Fell büschelweise herausgerissen und dann mitsamt dem Leder im Wald vergraben hatte. Das Motiv dafür fand er am Ende heraus: der Mann war ein engagierter Tierschützer. Damit war für ihn klar, dass sich der Verstand des Menschen komplett ausschalten kann, wenn er in Konflikt mit einer persönlichen Leidenschaft gerät. In diesem Falle, das war seine Schlussfolgerung, wären die Menschen in der Lage, alles aus dem Weg zu räumen, was ihre Begeisterung für etwas im Wert mindert oder gar bedroht. Vor dem Hintergrund all dieser Erfahrungen und Erkenntnisse hatte Karl-Heinz Mehrfeld nicht nur das deutschlandweit erfolgreichste Aktenvernichtungs- und Recyclingunternehmen "RatzFatzWeg" auf dem Zebacher Berg bei Bonn auf die Beine estellt. In seiner Freizeit, manchmal in direkter Verbindung zu seinen Kunden, beschäftigte er sich zudem mit mysteriösen Fällen des Verschwindens von Akten und Dokumenten. – In der letzten Zeit gehäuft mit diesbezüglichen Unregelmäßigkeiten im politischen Lager. Um Politiker in solchen Fällen hautnah zu erleben, wie sie sich öffentlich aus gewissen Vorfällen herauszuwinden versuchen, besorgte er sich sogar einen Presseausweis.
|
|

|
| Der Verfassungsschutzbeamte Helmut Link mit den „NSU-Rennstein-Akten“ auf seiner NSU-Supermax 1957. Hier mit abgedecktem Nummernschild im Scheinwerferlicht der Überwachungskameras beim Einfahren in das Zebacher Recycling-Werk RatzFatzWeg. |
|
© fuldainfo - foto: norbert hettler-foto-video-service-fulda
|
|
|
Als nun in einer Sitzung des Untersuchungsausschusses zur Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) im Bundestag bekannt wurde, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) die von der Bundesanwaltschaft verlangten Akten zur "Operation Rennsteig" vernichtet hatte, wollte er die Welt nicht mehr verstehen. Vor allem, weil es sich hierbei nicht um eine banale Schredderangelegenheit, sondern um sieben Akten über V-Leute, die das Bundesamt für Verfassungsschutz, der Militärische Abschirmdienst und das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz in einer gemeinsamen Aktion zwischen 1996 und 2003 aus dem rechtsradikalen Thüringer Heimatschutzbund rekrutierten. Zu ihnen gehörten, wie sich alsbald herausstellte, auch die späteren Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), "Zwickauer Terrorzelle" genannt.
Wie so etwas passieren konnte, war Karl-Heinz Mehrfeld nicht nur als professioneller Aktenvernichter unverständlich, sondern auch persönlich zuwider. Und zwar nicht nur, weil er sich gegen Rechtsextremismus engagierte. Besonders nahe gegangen waren ihm auch die zwischen 2000 und 2007 unfassbare Neonazi-Mordserie, das Nagelbomben-Attentat in Köln und der Polizistenmord von Heilbronn, die allesamt dem NSU zugeschrieben wurden.
"Einfach unglaublich", wetterte er im Kreise seiner Familie, als die Nachricht über die Aktenvernichtung im BfV aus dem Bildschirm kam. Dass im BfV mit 2.700 Bediensteten so etwas möglich sein sollte, das überstieg alle seine Vorstellungen von in Ämtern immer wieder vorkommenden Fehlern und Pannen.
"Da muss etwas ganz anderes dahinter stecken", war er sich sicher. Vor allem, dass es ein einzelner Mitarbeiter des Referats 2 B, hier genannt Helmut Link, im BfV gewesen sein sollte, kam ihm rätselhaft vor, auch wenn die breite politische Meinung, auch zuerst seine eigene, sofort an einen, den Rechtsradikalen nahe stehenden Beamten des BfV und diesbezügliche Verquickungen im Amt dachten.
Regelrecht gefesselt von dieser Nachricht, ließ Schredder-Carlos alles um sich herum stehen und liegen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, telefonierte und recherchierte über seine ihm zugänglichen heißen Drähte, die er zum Glühenbringen in der Lage war, wenn er sich um die Aufklärung politischer Aktenvernichtungsskandale bemühte.
Helmut Link, das kam heraus, wurde ihm als ein ganz normaler und disziplinierter Beamter geschildert, den er, nachdem ihm auch ein Foto von ihm zugespielt wurde, am Ende als integrer Mann einschätzte, der gewissenhaft seiner Arbeit nachging, auch ein treusorgender Familienvater zu sein schien. Schließlich erkannte er ihn am Ende sogar als gelegentlichen Demonstranten im "Netz gegen Nazis", wo er sich ebenfalls engagierte. Das zerstreute augenblicklich auch die letzten Reste seiner Vermutung, dieser Helmut Link könnte vielleicht doch mit dem NSU unter einer Decke stecken. "Wenn das wirklich so wäre", beschwor er, "hätte meine gesamte Menschenkenntnis versagt."
Da Schredder-Carlos nun auch wusste, wo der Beamte Link wohnte, beschattete er ihn auf dem Weg von seiner Arbeit nach Hause in das kleine beschauliche Dorf Hechelmannshausen im oberen Siebengebirge. Auch da war ihm an Link überhaupt nichts aufgefallen. Gestaunt hatte er nur, dass er einen schweren VW-Geländewagen mit Anhängerkupplung fuhr.
In Hechelmannshausen observierte er ihn dann an zwei Abenden mitsamt seines Anwesens und seinen Bewegungen im Dorf von einer Anhöhe aus, auf der auch die Kirche und das Pfarrhaus standen. Von hier aus sah er ihn im Garten, beim Straßenkehren, im Gespräch mit seiner Familie und vorbeilaufenden Nachbarn. "Alles nichts Auffälliges", befand er hernach.
Am Samstag darauf jedoch, als er wieder vom fünfzig Kilometer entfernt liegenden Zebach angereist war, beobachtete er den Verfassungsschutzbeamten, wie er seinen Geländewagen aus der Scheune holte, um das Haus herum fuhr, mit einem angehängten Motorradanhänger wieder hervorkam und sodann zu einer Scheune am Dorfrand fuhr. Diese konnte er ebenfalls vom Hechelmannshausener Hügel aus mit dem Fernglas einsehen.
Da staunte er nicht schlecht, als der Beamte, nachdem er zwei Auffahrbretter am Anhänger befestigt hatte, mit einer gepflegten, alten Beiwagenmaschine vorfuhr. Im Hintergrund konnte er zugleich eine ganze Reihe von anderen alten Motorrädern sehen.
Als dann das blitzblank geputzte Gefährt schließlich auf dem Anhänger stand, traute er seinen Augen nicht. Er sah auf dem Tank und auf dem Schutzblech des Vorderrads ganz deutlich das NSU-Symbol inmitten verchromter Teile des Motorrads blinken.
Wenn er nicht auf der Bank hinter dem Pfarrhaus gesessen hätte, wäre er glatt umgefallen, weil ihm sofort klar wurde, was vermutlich hinter dem Aktenvernichtungsskandal steckte: Ein NSU-Motorradnarr, vermutete er, der es nicht ertragen konnte, wie seine über alles geschätzte Marke in den Dreck gezogen wurde. Und der, als ihm das ganze Drum und Dran mit dem NSU zu viel wurde, die Akten über genau diese NSU vernichtete, um nicht mehr an diese Schmach erinnert zu werden, dass sein geliebtes NSU-Motorenwerk in Neckarsulm, aus der ja die Abkürzung NSU hervorging, den braunen Schatten des "Nationalsozialistischen Untergrunds" geworfen hatte. Es musste regelrecht sein Herz zerrissen haben, mutmaßte Schredder-Carlos, dass er sich dienstlich mit etwas beschäftigen musste, was er privat über alles liebte: seine NSU-Maschinen.
Nicht gerade freudig, aber von ein wenig Stolz über seine Entdeckung getragen, fuhr er nach Hause. Dort beschäftigte er sich dann ausführlich mit der Frage, wohin die Akten gelangt sein könnten. "Doch hoffentlich nicht in die Abteilung Aktenvernichtung in seinem Werk RatzFatzWeg, dachte Schredder-Carlos. Das aber könnte niemals sein, war er sich sicher. Denn diese Abteilung war die einzige in seinem Werk, die rundherum bewacht wurde. Das war er schon seinen, auf ihn großes Vertrauen setzenden Kunden schuldig. In der Abteilung "Altpapier-Recycling" jedoch, das schon von der Größe und der Anlieferungslogistik her öffentliche Zugänge haben musste, war es jedoch schon vorgekommen, dass Geheimnistuer aller Art einfach irgendwelche Papiere unter die Ballen aus Kartons und Zeitungen geschmuggelt hatten. Deshalb hatte sich Schredder-Carlos gleich am Sonntag die Aufzeichnungsbänder seiner Überwachungskameras im bekannt gewordenen Zeitraum der Aktenvernichtung angeschaut.
Da war er überrascht wie entsetzt, dass an einem Sonntagmorgen um 5.32 exakt die NSU-Maschine des sogenannten Helmut Link im mit Papier vollbepackten Beiwagen, auf ihr wohl er selbst mit Helm und Sonnenbrille sitzend, vorfuhr, sodann die mitgebrachten Dokumente in die herumliegenden Ballen aus Pappe und Altpapier bohrte und dann wieder verschwand.
Eine Untersuchung vor Ort erschien Schredder-Carlos jedoch nichts mehr zu bringen, weil sein Papierlager alle drei Tage im Umlauf in den Verarbeitungsmaschinen landete. Er war entsetzt.
Als er dann am Montag weitere Erkundigungen über "Helmut Link" einholte, kam heraus, dass dieser schon bei dem Anlegen der Akten über die sogenannte NSU im BfV dafür plädierte, anstelle von "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) für diese verheerende Bewegung besser den Begriff Nationalsozialistische Vereinigung (NSV) zu verwenden. Damit jedoch hätte er sich nicht durchsetzen können. Später dann habe er Gründe für die Unverträglichkeit zwei derselben Abkürzungen (die eine würde für Wirtschaftswunder, Technik und Innovation der Bundesrepublik Deutschland stehen, die andere für Nazis, Mord und Terror) vorgetragen und darum gebeten, in eine andere Abteilung versetzt zu werden. Dieses sei ebenfalls abgelehnt worden.
Der Zufall wollte es, dass am Tag darauf eine Pressekonferenz des Bundesinnenmisters in Berlin stattfand, zu der Schredder-Carlos kurz entschlossen fuhr. Dort tönte Minister Friedrich, auch als Erzählonkel von Berlin bekannt, herum, mit Pleiten, Pech und Pannen beim Verfassungsschutz solle jetzt endgültig Schluss sein. Er wolle mit den Ländern den Inlandsgeheimdienst erneuern. Es sei ein verheerendes Zeichen für unser rechtschaffendes und sonst so schönes Land, dass bereits zwei Länder-Verfassungschefs und der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz wegen dieser braunen Terrorgruppe NSU und der mit ihr verbundenen Aktenvernichtung ihren Hut nehmen mussten. Vor allem aber soll künftig das Schreddern und Verstecken von Akten in bedeutsamen Ermittlungsfällen nicht mehr möglich sein. Und, der Verfassungsschutz solle für die Politik transparenter werden.
Da schon war Schredder-Carlos über alle vorstellbaren Maße hinaus gereizt. Er meldete sich kurzerhand zu Wort und wurde vom Chef der Bundespressekonferenz ans Mikrofon gelassen:
"Ich bin Karl-Heinz Mehrfeld von der Firma RatzFatzWeg in Zebach bei Bonn, auch als Schredder-Carlos bekannt", sagte er mit klarer und deutlicher Stimme. "Ich bin nicht nur der Chef der Firma, sondern vertrete diese auch vor der bundesdeutschen Presse. Deshalb bin ich hier. Vor allem möchte ich nicht, dass unser Gewerbe, schon gar nicht meine Firma, durch diesen soeben von Ihnen noch einmal geschilderten unglaublichen Fall der Aktenvernichtung in Mitleidenschaft gezogen wird."
Da hörte er im Hintergrund, wie Bundesinnenminister Friedrich zu seinem Pressesprecher sagte: "Was will der denn eigentlich hier in der Bundespressekonferenz? Wer hat diesen Typen überhaupt hier herein gelassen?"
"Unfassbar", dachte sich Karl-Heinz Mehrfeld. Daraufhin verschärfte er sofort den Ton und fuhr fort: "Moment mal, du Erzählonkel. Jetzt bringst du mich aber in Rage! Anstatt zu fragen, wie ich hier hineingekommen bin, solltest du dich lieber fragen, weshalb deine Akten hier herausgekommen sind und wo sie gelandet sind. Ich weiß es. Du aber hast null Ahnung. Du laberst hier doch nur herum, was dir deine von nichts, schon gar nicht vom Einmaleins des Verfassungsschutzes etwas verstehenden Beamten aufs Papier geschrieben haben. Die Wirklichkeit jedenfalls ist eine völlig andere, als die, die du hier beschreibst. Und nun willst du auch noch solche großkotzigen Konsequenzen daraus ziehen ... Wenn du dich in deinem Leben nur ein einziges Mal um irgendwelche Zusammenhänge zwischen Menschen, ihren Ämtern und ihren Leidenschaften beschäftigt hättest, bräuchtest du hier nicht den großen Zampano zu spielen.
Stichwort NSU... Bevor dieses Kürzel zum Unwort des Jahrzehnts und der ganzen neueren deutschen Geschichte wurde, gab es schon einmal NSU. Weißt du das eigentlich? Schon mal gehört: NSU-Motorenwerke Neckarsulm? ‚NSU’ gleich Neckarsulm: nicht ‚Nationalsozialistischer Untergrund’. Verstanden? … Deutsche Motorenmarke! Leistungsstarke Motorräder! Leben, Freiheit! … Hast du überhaupt schon einmal auf solchen NSUs gesessen? Sie knattern gehört? Eine schöne Frau auf dem Sozius gehabt? … Ganz bestimmt nicht, du einfältiger schwarzer Mercedesfahrer auf Staatskosten!
Mal ganz abgesehen davon, dass die Zweckentfremdung des Begriffs ‚NSU’ als ‚Nationalsozialistischer Untergrund’ eine Beleidigung ersten Grades für die Bürger von Neckarsulm darstellt, kannst du dir vorstellen, dass ein mit diesem rechtsradikalen NSU befassten Verfassungsschutzbeamter durchdrehen kann, wenn dieser braune Sumpf seine unendliche Leidenschaft in Person eines NSU-Oldtimer-Fans zerstört? Und welche Konsequenzen das für sein Amtsverständnis haben kann?
… So, und mehr sage ich hier nicht. Jedenfalls bist du wieder einmal blindrechts in eine Aktenvernichtungsaffäre hineingelaufen, die ganz alleine deine eigene ist, und an deren Ende dir nichts übrig bleiben wird, als dein Amt herauszurücken. Jedenfalls hast du mit allen bis jetzt genommenen Hüten auf die falsche Fährte gesetzt.
Und vor allem sind die 190 Millionen, die du alleine für deinen Bundesverfassungsschutz im Jahre ausgibst, den Säuen vor die Füße geworfen, wenn du und deine Verfassungsschützer nicht einmal wissen, dass ‚NSU’ mit ‚NSU’ leicht verwechselt werden kann. … Alles andere erzähle ich nachher der Presse selbst, du, du ...!"
Mit herzlichen Grüßen
von
Verfassungsschutz zu Verfassungsschutz
Ihr Joseph Dehler
www.politikberatung-dehler.de
Hier können Sie die Beiträge der Politsatire als Hörtext kostenlos downloaden.
Nichts verpassen? Abonnieren Sie den "Moment mal - Dehler unterwegs" Newsletter.
Zu diesem Beitrag sind Ihre Leserbriefe willkommen. +++ fuldainfo
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
26-07-2012, 20:00:00 | fdi/ots/dts |
|
Drucken | Artikel empfehlen | |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Aktuelle Nachrichten, Tagesthemen und News von Autoren und Journalisten. Regional und Überregional. Copyright fuldainfo sowie weitere Verfasser und Autoren - 1998-2012. Für eine Veröffentlichung oder Verwendung der Inhalte wird die Zustimmung von fuldainfo oder des jeweiligen Urhebers benötigt. Andere behaupten unabhängig zu sein, fuldainfo ist es. :: zurück |
|
|
|
|
|
|
|
|