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Blaublindheit in Möllerstadt

Berlin/ Fulda. Nachdem einhergehend mit der massiven Invasion von Blausonnenschirmen heimischer Wassersprudel-Firmen in Möllerstadt die Blaublindheit, auch Tritanopie genannt, extrem angestiegen war, haben der dortige Oberbürgermeister (OB), Ohnemichläuftnix-Gerhard, gemeinsam mit Würdewennichdürfte-Wolfgang, dortselbst Ordnungsdezernent und Bürgermeister, und deren parlamentarische Einmannmehrheitsgefolgschaft nun die Reißleine gezogen. Obwohl schon aus rein optischen Gründen heraus seit zwei Jahrzehnten überfällig, wurde nun in einer Nacht- und Nebelaktion der Beschluss gefasst, die Blausonnenschirme in die Wüste zu schicken. Als die Wassergurus Rhönsprudel und Förstina davon aus der Presse erfuhren, war es bereits zu spät. Sie fielen aus allen Wolken, wenn nicht sogar in Ohnmacht. Ihre ganze schöne blaue Welt brach mit einem Schlag zusammen.

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Der nachdenkliche Oberbürgermeister von Möllerstadt während der Modenschau für die neuen Möllerstädter Kopfschirme. Im Hintergrund die als unliebsam abgestempelten, „blaublind“ machenden Blausonnenschirme der Rhöner Wassergurus vor der historischen Hauptwache in Möllerstadt.

 © fuldainfo -  foto: norbert hettler-foto-video-service-fulda

Nicht, dass die Stadtoberen grundsätzlich etwas gegen die, das barocke Stadtbild unwahrscheinlich verschandelnden blauen Schirme hätten – Nein, dazu haben sie die Wassermixer viel zu lieb. Immerhin hatten diese mit ihrem Rhönwasser über Jahre hinweg das positive Image der gesamten Region geprägt. Auch wenn sie bisher jeder gegen des anderen Wasser und Sonnenschirme rivalisierten, hatten sie es durch geschickte Werbetricks geschafft, der Region das Renommee eines Gebietes mit der weltweit optimalsten Luftfeuchtigkeit zu verschaffen, und zwar mit den allerbesten Resultaten für den Fremdenverkehr. Mit "Sprudelwasser auf der Zunge, Reinheit in der Lunge", warb unter anderem eine der Firmen. Die andere mit "Rhönwasser im Hirn, Grips in der Birn". Immer mehr Menschen, hatten sie verlautbaren lassen, würden sich wegen der, wenn auch nur eingebildeten, außergewöhnlichen Luftfeuchtigkeit in der Wasserregion Rhön für einen Urlaub in Möllerstadt, dem Tor zur Rhön, entscheiden, und sich dort zugleich an den blauen Sonnenschirmen fürs ganze restliche Leben laben. Nicht umsonst kämen in der letzten Zeit massenhaft Hausstaub-Allergiker, Halstrockenkranke und anderweitig dehydrierte Menschen nach Möllerstadt. Diese und andere von Gott Benachteiligte träfen hier ein optimales Klima zur Leidensbekämpfung nahezu aller Art mit Rhönwasser an. Davon profitiere die Region ungemein.

So wusch bisher eine Hand die andere. Die einen profitierten vom Fremdenverkehr, die anderen von der Werbewirksamkeit ihrer blauen Sonnenschirme. Dabei störte es die beiden Wasserfirmen nicht im geringsten, dass kaum jemand diese voneinander unterscheiden konnte. Farblich schon gar nicht. Dass jetzt beschlossen wurde, die blauen Sonnenschirme endgültig aus dem Stadtbild zu verbannen, hatte jedoch ganz andere Gründe, als von den Stadtoberen vorgeschoben. Verbreitet wurde lediglich, das Stadtbild freundlicher und einheitlicher erscheinen zu lassen. Nicht einmal wurde dabei offiziell Bezug genommen auf den Zusammenhang von Blausonnenschirmen und der grassierenden Blaublindheit in der Stadt. Das war aber nicht die ganze, wenn überhaupt irgendeine Wahrheit.

Gegen die Antiblauschirm-Kampagne der Stadt setzten sich – dem Möllerstädter Boten nach – gleich nach deren Bekanntwerden die Wasserabfüller in einer niemals geglaubten Einigkeit zur Wehr. Ja, die Werbefritzen der beiden Firmen sollen sogar aus "allen Wolken gefallen" sein, als sie hörten, dass ihre blauen Sonnenschirme bis in alle Ewigkeit aus Möllerstadt verbannt werden sollen. Gar nicht einsehen wollten sie wohl, dass ausgerechnet die "Trendfarbe Blau" den schwarzen Stadtpolitikern nicht gefallen sollte, wo die doch "ach so schön" sei und die Schirme auch noch kostenlos an die Gastronomen verliehen würden.
Gegen das Aus für die "schönen und praktischen Werbeträger" wollten sie sich jetzt mit Händen und Füßen, und zwar in trauter Gemeinsamkeit, zur Wehr setzen, kündigten sie an. Am schlimmsten aber, betonten sie, sei der Liebesverlust, den sie unerwartet erlitten hätten. Es sei äußerst schmerzlich, dass niemand seitens der Stadt mit Ihnen über das vermutlich von langer Hand geplante Attentat auf die blauen Schirmen gesprochen habe. Wo sie doch all die Jahre das Stadtbild so schön geprägt hatten.

Unterdes arbeitete die Stadtverwaltung weiter an einem ausgeklügelten Farbsystem, um die eigentlichen Gründe für das Blauschirmverbot zu kaschieren. Wenn diese nämlich bekannt würden, hatte das Stadtoberhaupt kürzlich während eines Toilettenbesuchs einem guten Freund erzählt, würde sein Kopf und der von Würdewennichdürfte-Wolfgang, der zugleich Boss der überalterten christlichen Barockpartei von Möllerstadt ist, rollen. Dabei merkte er nicht, dass hinterrücks in der Kabine der unabhängige Reporter Klaus Unruh dem Gespräch lauschte. Davon also keine Ahnung, konkretisierten die Magistralen ihre Ausreden für das Aufstellen von "stadtverträglichen" Sonnenschirmen. Perlweiß, Elfenbein, Hellelfenbein, Lichtgrau, Seidengrau, Reinweiß, Papyrosweiß usw., wurde festgelegt, sollen die Schirmbespannungen künftig sein. Keinesfalls Gelb, Rot oder Grün. Diese Farben müssten gemieden werden, waren sie sich einig.
Der schon qua zivilem Beruf ausgefuchste Wasserlobbyist von Möllerstadt, zugleich Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses, genannt "Alleskönner-Hans", zuletzt als Bürgermeisterschleuder in Bad Salzschlirf im Einsatz, hatte zwischenzeitlich den OB in bevormundender Art und Weise aufgefordert, kurzfristig mit den beiden Sprudelwasserfirmen Versöhnungsgespräche zu führen. Die aber hatten sich zuvor bereits geschworen: "Denenwerdenwirszeigen!" Sie fusionierten kurzerhand zur Firma "RhönTina" in der Absicht, die Blauschirmverbotsreglung "mit einer Stimme" vom Tisch zu wischen, gleich wie dann am Ende die Sondernutzungssatzung der Stadt aussehen würde. Außerdem, das empfanden Sie als wohltuende Erkenntnis aus dem sich anbahnenden Konflikt mit der Stadt, sei es ohnehin das gleiche Rhönwasser, das sie der Mutter Erde entziehen und lediglich in Flaschen abfüllen würden.
Da sich die beiden Magistralen die Art und Weise des auf sie zukommenden Widerstandes der Blauschirmwasserlieferanten denken konnten, hatten sie sich bereits einen ausgeklügelten, bestechungsreifen Kompromissvorschlag ausgedacht, den sie als geeignet einstuften, um am Ende die für ihre Partei absolut schädliche Blaublindheit in Möllerstadt zumindest ein wenig einzudämmen.

Schließlich, wie von Alleskönner-Hans gefordert und deshalb erwartet, kam es zu einer Einigung zwischen den Wasserabfüllern und der Stadt. Nachdem die Presse über das Blausonnenschirmverbot ausgiebig kritisch berichtete, wobei der ein oder andere wagemutige Journalist der Wahrheit recht nahe kam, wollten insbesondere die Magistralen nun mit einer positiven Meldung glänzen, um von den Tatsachen abzulenken. Aus diesem Grund rief Ohnemichläuftnix-Gerhard die regionale Presse zusammen und verkündete unter anderem im Beisein des Bürgermeisters das Ergebnis des städtischen Kompromissvorschlages. Danach würden die blauen Schirme nun früher als geplant, anstatt in fünf Jahren schon in einem Jahr, dem Erdboden gleichgemacht. Dann hat er noch einmal das ganze Blablabla aufgewärmt, mit dem die Presse schon über Maßen überzogen wurde: Sozusagen, dass mit der neuen Sondernutzungsverordnung in Möllerstadt alles freundlicher, dezenter und einheitlicher werden solle. Man wolle keine "grellen" Farben oder überhaupt Farben, die von dem Reinweiß der Stadt ablenkten.
"Und jetzt, Herr Oberbürgermeister?", fragte Klaus Unruh dazwischen.
"Wie das im Leben so ist", sagte der. "Kompromisse müssen sein. Ohne Kompromisse keine Innovation, und keine Innovation ohne Verluste. Niemand kann immer alles haben. Jedenfalls haben wir uns, das kann ich hier verkünden, mit den Herren von RhönTina geeinigt. Danach werden die Blauschirme mit der Aufschrift "Schatz der Rhön" und "RhönSprudel" binnen eines Jahres auf Nimmerwiedersehen aus dem Stadtbild restlos verschwinden. Stattdessen werden künftig an jeden Gast der hochehrwürdigen städtischen Gaststätten kostenlose adrette "Kopfschirme" mit darauf aufgezogener Werbung der bisherigen Blausonnenschirme im äußerst dezenten Blau und gleichzeitig mit der Werbung für Möllerstadt aufgebracht. Und zwar im Wechsel von "RhönSprudel", "Barockstadt Möllerstadt", "Schatz der Rhön" und "RhönTina". Andere kooperativ finanzierte Werbeträger, wie Regenschirme, sollen folgen. Dazu sollen aus Umweltschutzgründen zunächst die Stoffe der aus dem Verkehr gezogenen Sonnenschirme verwendet werden.
Erstmals sprach der Oberbürgermeister auch öffentlich über seine Sorge um die zunehmende Blaublindheit in der Stadt.
Obwohl der Reporter Klaus Unruh genauso wie die Magistralen und deren politische Mitläufer auch gegen die blauen Schirme war, sogar war er der Meinung, sie gehörten mit Hochdruck, und zwar sofort, den Jordan hinuntergespült, meldete er sich zu Wort und fragte: "Herr Oberbürgermeister, Blauschirme auf dem Kopf sind doch nichts anderes als blaue Schirme auf dem Boden, oder? Was macht das für einen Unterschied?"
"Doch, das macht sehr wohl einen Unterschied", gab der OB daraufhin verlegen zur Antwort. "Wer das Blau auf dem Kopf trägt, sieht es ja selbst nicht und kann demzufolge auch nicht blaublind werden".

Da hatte Klaus Unruh gleich wieder fertig. Er war geladen. Wollten die ihn für dumm verkaufen, fragte er sich. Er nahm das Mikrofon, machte einen Ausfallschritt nach vorne, und schrie in das Gerät hinein: "Moment mal … Jetzt passen Sie mal auf, Herr Oberbürgermeister von Einerstimmemehrheitsgnaden: Für wie blöd halten Sie uns eigentlich? Ich jedenfalls weiß doch ganz genau, was hier abgeht.
… Sie Verdreher aller je verloschenen Zeiten. Wie kommt es eigentlich, dass Sie jahrzehntelang diese unsäglichen, jeden Möllerstädter Geschmack betäubenden Sonnenschirme in unserer historischen, schönen Barockstadt, Kulturstadt, Einkaufstadt, Kongressstadt und Stadt im Grünen, wie Ihre Werbung kundgibt, geduldet haben? – Und dabei jedem gegensätzlichen Argument verschlossen blieben? … Ich kann es Ihnen sagen. … Weil Sie geblendet waren. Weil Sie zu Hause von Geburt an nix anderes zum Trinken gekriegt haben, als dieses Allerweltswasser, das kein Grönländer vom Gletscherwasser unterscheiden könnte. Seien Sie ehrlich, das Stadtbild hat Sie doch noch nie interessiert…, kann Sie ja gar nicht interessiert haben, sonst würde hier kein einziger von diesen Schirmen stehen, schon gar nicht vor Denkmal und Ensemble geschützten Häusern, die vor lauter Blau gar niemand mehr zu Gesicht bekommt.
Ich werde Ihnen jetzt einmal sagen, was in Ihrem Kopfe vorgeht, … Quatsch, Sie wissen es ja ganz genau. … Nein, ich werde nun einmal den hier versammelten Pressekolleginnen und -kollegen sagen, was Sie in Wahrheit antreibt, plötzlich einen Krieg gegen die RhönTina-Blausonnenschirme vom Zaun zu brechen."

Oberbürgermeister Ohnemichläuftnix-Gerhard zuckte daraufhin zusammen und hielt Würdewennichdürfte-Wolfgang mit der linken Hand den Mund zu.

Reporter Unruh fuhr jedoch unberührt fort und wurde lauter: "Sie sorgen sich in Wahrheit keine Sekunde lang um die von der Blaublindheit heimgesuchten Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie haben nach der letzten Kommunalwahl, mit der Sie lediglich mit einer Stimme Mehrheit noch Ihre Herrschaft sichern konnten, in Wahrheit extreme Angst davor, bei der nächsten Wahl auch noch diese eine Stimme zu verlieren. Und zwar vor allem, seitdem jetzt medizinisch nachgewiesen wurde, dass die Blaublinden von Möllerstadt lediglich für Rot, Grün und Gelb, auf keinen Fall aber für Schwarz empfänglich sind. Also: Der Stimmenverlust in Ihrer Schwarzpartei ist ausschließlich auf die überdimensionale Zunahme der Blausonnenschirme in Möllerstadt zurückzuführen. … Da müsste man schon einen Blausonnenschirmsonnenstich haben, um nicht zu merken, was hier abgeht. Hinzu kommt, dass Sie erst jetzt verstanden haben, dass Ihnen die hochgejubelten Touristen in Wahrheit nicht eine einzige Wählerstimme bringen. Deshalb scheint Ihnen inzwischen auch der Fremdenverkehr wurstegal geworden zu sein. Vor allem, und das ist in Möllerstadt völlig neu, und deshalb für RhönTina so brutal, opfern Sie offensichtlich das bisher zwischen Ihrer Partei und der Wirtschaft allgewaltig symbiotische Verhältnis Ihrem rein politischen Kalkül, das Ihnen sagt: "Was nützen mir die blauen Sonnenschirme und zwei Wassermixer, wenn die Blaublinden am Ende nur noch Rot, Grün und Gelb wählen.
Außerdem habe ich mitgehört, was Sie kürzlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit am stillen Örtchen von sich gaben.
Und jetzt? Was sagen Sie jetzt, Sie, Sie …"

Mit herzlichen Grüßen
von Schirm zu Schirm
Ihr Joseph Dehler
www.politikberatung-dehler.de

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05-07-2012, 18:00:00 | fdi/ots/dts

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