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| Bundespräsident Wulff beim Ausbrüten seines Nackt-Auftritts vor dem Brandenburger Tor ... |
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Oberstes Ziel seines Hauses, gab er als Parole aus, müsse ab sofort sein, kein Blatt Papier mehr zwischen ihm und seinem über alles geliebten Volk kommen zu lassen. Das wolle er auf diese ungewöhnliche Art und Weise demonstrieren. Gleichzeitig wolle er bekanntgeben, dass er auf dem Höhepunkt der von ihm selbst zu verantwortenden Präsidialkrise und aus nunmehr tiefster Einsicht heraus der Droge "Macht" auf allen Ebenen abzuschwören bereit sei. Hierzu wolle er das Bundespräsidialamt in eine Machtentwöhnungsanstalt umbauen und von dort Fehlentwicklungen im Politikbetrieb nach entsprechendem Muskelaufbautraining mit der dicksten auf dem Markt erhältlichen Brechstange bekämpfen. Dazu gehöre vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen auch die gnadenlose Bekämpfung des Geldlobbyismus, der Korruption, Intransparenz, Heuchelei, des Statusgehabe und vor allem der Unkultur des Strebens nach persönlicher Vorteilnahme durch Politikerinnen und Politiker. Nur so könne letztlich, das war ihm plötzlich deutlich wie nie zuvor, die wachsende Politikverdrossenheit und Wahlabstinenz bekämpft wer-den. Und: So hätten die Affären, in die er hineingeschlittert sei wie einst die Jungfrau zum Kind kam, letztlich etwas Gutes für die Zukunft der Republik gebracht.
Voller Tatendrang ließ Wulff hernach am Donnerstagmorgen von seinem Diensthubschrauber Flugblätter abwerfen, auf denen zu lesen war, dass er bereits am nächsten Tag am Brandenburger Tor splitternackt vor das deutsche Volk treten werde. Und zwar bei jedem Wetter. Dort wolle er einen gnadenlosen Reueschwur zu seinen vorpräsidialen HauskreditUrlaubsFlugBuchParty-Affären abgeben und mit wegweisenden Forderungen an die bundesdeutsche Politik deutlich machen, dass er sich nicht von dahergelaufenen Medienvertretern und Möchtegernpolitikern zum Sündenbock eines insgesamt bettlägerigen Machtsystems abstempeln lassen würde.
Noch in der Nacht zum Donnerstag hatte das Bundespräsidialamt den dort als einen der letzten Wulff-Fans hochgeschätzten Joseph Dehler gebeten, für den Bundespräsidenten eiligst ein in diese Richtung gehendes Redemanuskript zu erstellen.
Mit diesem bewaffnet machte sich der Bundespräsident am Freitag auf den Weg zum Brandenburger Tor. Er stieg aus seinem Dienstwagen, zog seinen Bademantel, den er im Auto getragen hatte, aus und ging wie Gott ihn schuf und sichtlich fröstelnd zum Rednerpult, das schon auf ihn wartete.
Fuldainfo war vor Ort und veröffentlicht die Rede von Christian Wulff im Wortlaut und ungekürzt. Es gilt das gesprochene Wort!
"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
auch wenn ich Ihnen diesen, in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wohl einmaligen Anblick auf den blassen, Knochenarbeit nicht gewohnten Körper eines amtierenden Bundespräsidenten gerne erspart hätte, komme ich, auch wenn ich jetzt saumäßig friere, nach all dem mir in den letzten Wochen entgegengebrachten Misstrauen nicht umhin, mich Ihnen zu präsentieren, wie mich Gott erschaffen hat: splitternackt. Diejenigen, die rückseitig des Rednerpults stehen, werden meine völlige Blöße bestätigen können. Wer sich in Front zu mir aufgebaut hat, muss einfach daran glauben. Mit dem völligen Freilegen meines sonst weitgehend eingeschnürten Gerippes mit Textilien aller Art möchte ich meine allerengste Verbundenheit zu Ihnen und damit stellvertretend zum gesamten deutschen Volk bekunden. Auf andere Weise ist seitens der mir nachstellenden Vagabunden der Presse keine wohlwollende Aufmerksamkeit mehr für mich und mein Amt zu erwarten.
Sie, meine verehrten Mitbürgerinnen und Mitbürger, konnten ja, wie die restlichen rund 11 Millionen Menschen, am Mittwochabend miterleben, wie mich dieser nahezu wegen seiner Bösartig-keit faltenbehangene, ausgemergelte Ulrich Deppendorf und die vor Verbitterung fröstelnde Bettina Schausten in die Zange genommen haben. Am meisten ärgert mich noch, dass Letztere den Vornamen meiner Frau trägt, obwohl sie ihr schon rein äußerlich nicht annähernd das Wasser reichen kann. Außerdem wird ihr schon gar nicht, wie meiner Frau, kostenlose Luxusmode zum Tragen angeboten. Zudem, das gönne ich ihr von ganzem Herzen, hat sie sich mit ihrer 150-Mark-Frage glücklicherweise selbst ein Bein gestellt.
Nun gut. – Wichtiger als dieses alles zusammengenommen ist mir unser Zusammengehörigkeitsgefühl, meine Damen und Herren. Jedenfalls will ich Ihnen dies meinerseits in aller Aufrichtigkeit und klamottenbefreiter Transparenz bekunden.
Auch wenn sich die Umfragen nach meiner Herumschreierei auf dem Anrufbeantworter des Chefredakteurs der deutschen Haudraufzeitung ein wenig zu meinen Ungunsten verändert haben, wobei ich noch nicht genau weiß, was ich eigentlich auf den Anrufbeantworter gesprochen habe, zeigt sich an den Zahlen zumindest tendenziell, dass wir dem Grunde nach ein Herz und eine Seele sind, und Sie auf keinen Fall wollen, dass ich zurücktrete. Nicht wahr? Das alleine wäre im Übrigen auch noch keine Garantie, dass mein Nachfolger nicht in die gleiche Falle wie ich hineintappen könnte.
Jeder von Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, da bin ich sicher, der auf Bildzeitungsniveau wegen eines läppischen Hauskredits derart fertiggemacht wird, würde es mir nachtun. Doch ganz selbstverständlich, das ist eines der wichtigsten Prinzipien der kapitalistischen Gesellschaft, nimmt jeder von uns auf Kosten des anderen in Anspruch, was er für sich einhamstern kann: einen Flug zu günstigeren Konditionen, einen kostenlosen Urlaub bei Freunden, den Zuschuss zu einem Buch von einem, der sich gerne mit dem Bundespräsidenten fotografieren lässt, ge-sponserte Partys und was ich alles sonst noch so angestellt haben soll und noch gar nicht weiß.
Ja, Sie würden geradezu als bekloppt abgestempelt und in die Klappsmühle verbannt werden, wenn Sie sich die Ihnen bietenden Vorteile nicht ausschöpfen würden. Sagen Sie doch einmal selbst!
Jedenfalls, im Großen und Ganzen weiß ich, dass die übergroße Mehrheit der Menschen auf meiner Seite steht, egal was ich tue oder lasse. Im Übrigen, dass ich den Hammer bis jetzt noch nicht hingeworfen habe, hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass ich Sie nicht im Stich lassen wollte. Insofern lässt sich unsere soziologische Beziehung in drei Sätzen prägnant zusammenfassen: ‚Sie sind das Volk! Ich bin das Volk! Wir sind das Volk!’
Nun kann man der Meinung sein, für Politiker müssten andere Maßstäbe gelten, als für das gewöhnliche Volk. Ich als Politiker sollte mit gutem Beispiel vorangehen, Vorbild sein, eine bessere Gesellschaft repräsentieren. Gut. Damit hätte ich keinerlei Probleme, wenn dies uns eine neue Orientierung geben würde, mehr Sinnstiftung und ein ruhigeres Gewissen vor dem Herrn und den uns nachfolgenden Generationen. Wenn das unser aller Wille ist, dann müssen wir eben im Politikbetrieb völlig neue Zeichen setzen.
Und nun zu mir, meine Damen und Herren, in aller Ehrlichkeit und Klarheit: Mein Fehler war wohl, dass ich mich stets an den Spruch meines Vaters gehalten habe, der immer wieder sagte ‚Junge bleib auf dem Teppich’. So habe ich wahrscheinlich gar nicht richtig wahrgenommen, dass ich Ministerpräsident von Niedersachsen war und inzwischen Bundespräsident bin. Schon gar nicht habe ich gewusst, dass für derartige Ämter ganz andere Regeln, die Trennung von Berufs- und Privatleben betreffend, gelten.
Ihnen, liebe Freundinnen und Freunde, stets nahe sein zu wollen, mich nicht von Ihnen und Ihren Lebensgewohnheiten abzuheben, ist mir also zum Verhängnis geworden. Dass ich so trottelig war, ist, ich weiß, aus der heutigen Sicht meines Amtes unverzeihlich.
Insofern sage ich nur, um diesen ganzen Mist nicht noch einmal aufzukochen: Ich erkläre hiermit bei Gott dem Mächtigen, dass mir mein Verhalten nicht bewusst war, ich es zutiefst bereue und deshalb in Zukunft nicht nur verstärkt allen derartigen persönlichen Verführungen den Kampf ansage, sondern auch dazu beitragen werde, dass sich Gesellschaft und Politik entsprechend verändern. Dazu habe ich als Bundespräsident, wie kein anderer im Staat, die Möglichkeit, neue Orientierungen zu geben.
Ich will Ihnen der hier und heute erstmals geschworenen Aufrichtigkeit wegen jedoch nicht verheimlichen, dass ich, als diese Überlegungen meine Hirnmasse anschwellen ließen, zuallererst daran dachte, jetzt den Spieß umzudrehen und all diejenigen in Regierung, Opposition und Parteiführungen, die mich mit den fiesen Angriffen gegen mich bisher vollkommen alleingelassen haben, und so taten, als hätte sie niemals eine solchen Sittenlawine überrollen können, beim Wort nehmen und ihnen mit meinen Forderungen an eine glaubwürdige Politik einmal richtig die Lau-ne an der Arbeit und am Leben nehmen. (Tosender Beifall und befürwortende Pfiffe).
Soweit meine Gedanken im Allgemeinen, meine Damen und Herren.
Ich werde mich nun, falls mich die Pressemafia endlich in Ruhe lässt, intensiv mit der Zukunft einer durch und durch sauberen und transparenten Politik und Verwaltung beschäftigen. Da ich Ihre kostbare Zeit nicht weiter beanspruchen will, möchte ich Ihnen noch kurz erläutern, auf was ich unter anderem hinwirken und in einer zu gründenden Kommission beraten lassen werde. Auch wenn ich dies in der Kürze der Zeit nicht exakt strukturieren konnte, gebe ich Ihnen hier abschließend ein paar entsprechende Hinweise, wohin der Hase unter meiner Bundespräsidialschaft laufen wird, wenn mich Angela nicht doch noch in den Hintern tritt. Wenn ich also Bundespräsident bleiben darf, was ich allzu gerne würde, alleine schon, um meiner Bettina nach meinem Ableben eine sorgenfreie Zukunft zu schenken, würde ich in folgende Richtung denken, um bis dahin den Laden wieder demokratiefähig gemacht zu haben:
Was beispielsweise die Frage der Kreditaufnahme von Politkern für deren Häuser, Autos, Frauen oder Männer und Kinder anbelangt, werde ich dafür Sorge tragen, dass in Zukunft eine eigen-ständige, parlamentarisch kontrollierte, parteiübergreifende Politbank eingerichtet wird. Die Ausreichung von Krediten erfolgt, gleich in welcher Höhe, für alle Zeiten zum marktüblichen Zinssatz von null Prozent. Damit werden die Voraussetzungen für eine bestechungsfreie Bankverbindung für Politiker geschaffen ... (Pfuirufe überschallen den Platz vorm Brandenburger Tor)
… Aus Ihren Reaktionen entnehme ich, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass dies aus der Sicht des Volkes kein guter Vorschlag war. Nun gut, Politiker sollten dem Volk ja nicht nur nach dem Mund reden. Stellen Sie sich aber einmal vor, dass ich bei einer derartigen Bankstruktur niemals in diesen, meinen Schlamassel hineingeraten wäre. Man muss sich eben irgendwann ein-mal entscheiden, was man will. Klare, annehmbare Strukturen oder Hintertürchen mit Vitamin B.
Sollten Politiker alleine, mit Partnern und Familien Urlaub machen wollen, ist dies nach meinen Vorstellungen künftig nur noch über eine staatliche Urlaubszentrale ausschließlich in staatlichen Ferienobjekten und an festgelegten, abgeschirmten Orten innerhalb Deutschlands möglich. Das hat den Vorteil der gegenseitigen Kontrolle, aber auch des lockeren Kennenlernens am Strand, in Schwimmbädern oder beim Saunieren. Diesbezüglich sollten wir uns an der einst beispielgeben-den Urlaubsorganisation des FDGB in der einstigen DDR orientieren. (Weithin hör- und sichtbarer Applaus sowie Gelache)
Wer sich künftig bei der Benutzung von Flugzeugen privilegieren lässt, darf zu Lebzeiten nur noch mit dem Gleitschirm fliegen. Dienstwagenfahrten für Abgeordnete werden zukünftig nur noch in der Gruppe und in Kleinbussen möglich sein. In anderen Fällen wird die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel zur Pflicht, was den Vorteil mit sich bringt, dass die Politiker den Problemen der öffentlichen Beförderung von Mensch und Tier nähergebracht werden, und sich da-mit gleichzeitig eine gewisse mobile Nähe zum fahrenden Volk entwickeln kann. Im Übrigen gilt für alle Dienstfahrten mit den Limousinen des Staates Vorhangverbot, damit die jederzeitige öffentliche Einsichtnahme in die noblen Politikerkarossen möglich ist. (Überschwänglicher Applaus durch alle Reihen).
Die 4.500 Bundestagsausweise für Lobbyisten werden, so mein Vorschlag, eingezogen und damit der bevorzugte, demokratieschädliche Zugang zu den politischen Entscheidungsträgern gekappt. Lobbyisten werden künftig nur mit Abgeordneten, Ministern und anderen Amtsträgern sprechen können, wenn sie vorher in einem Zentralregister erfasst wurden. Sie müssen genaue Angaben darüber machen, weshalb sie mit welchem Politiker sprechen wollen. Die Politiker ihrerseits sind verpflichtet, über die Gesprächsinhalte Protokoll zu führen und ins Internet zu stellen. Sollte gegen diese Vorschrift verstoßen werden, werden den Amts- und Mandatsträgern Beobachter zur Seite gestellt, die sie Tag und Nacht überwachen. Lobbyisten, als Politiker getarnt, haben, aus meiner Sicht, in Zukunft nichts mehr im Parlament zu suchen. Gleichzeitig werden die von Verbänden und Großunternehmen eingeschleusten Fremdarbeiter in den Ministerien und Verwaltungen verbannt. (Wildes Klatschen)
Künftig ist es verboten, an Tagen der offenen Türen, auf Parteitagen und Festen anderer Art Sponsoren wie Freibierausschänker, Würstchengeber, Salatmischer und Spanferkelröster anzuheuern, weil hier, im freundlichen Tête-à-Tête, die Kultur der Bestechlichkeit und Vorteilnahme die ersten Beine bekommt. Vielmehr müssen alle Getränke und Esswaren selbst bezahlt oder von zu Hause mitgebracht werden. (Auffällig: Pfuirufe unter Krawattenträgern).
Künftig müssen alle Einnahmen von Mandats- und Amtsträgern aus Vorträgen, Beratungsgeschäften nicht nur offengelegt werden, sondern auch an den Staat abgeführt werden. Das fördert eine größere Anwesenheitsquote im Parlament und in den Amtsstuben. (Weithin stürmischer Applaus)
Über die Verwendung von Gehältern und Diäten ist im Detail im Internet Auskunft zu geben. Dazu gehört auch die Darlegung, wie viel Geld in die jeweilige Haushaltskasse eingelegt wurde, um gegebenenfalls den Umfang der kostenlosen Fremdesserei mit Lobbyisten abschätzen zu können. (Verhaltener Applaus. Lachen durch alle Reihen)
Einladungen von Gastgebern und auf Kongressen und Messen, das gilt für Politiker wie für Staatsbedienstete, sollten nicht gänzlich unmöglich gemacht werden. Die Annahme beziehungs-weise freie Zuwendung von Ess- und Trinkbarem sollte jedoch auf trockenes Brot und Leitungswasser beschränkt werden. (Tosender Beifall, auffällig von Menschen in Freigängerkluft und Fußfesseln).
Außerdem werde ich mich dafür einsetzen, dass sich Politiker künftig nicht mehr mit dem Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer ablichten lassen dürfen, auch wenn ich letztlich wegen ihm – und durch Sie – die Augen geöffnet bekommen habe. Insbesondere an diesem, meinem selbstlosen Vorschlag mögen Sie verspüren, dass ich es mit einer sauberen Demokratie ab heute so ernst meine wie noch nie in meinem Leben.
Damit möchte ich schließen, bevor ich Sie langweile. Außerdem laufen, wie Sie zum Teil sehen werden, ein Teil meiner fettarmen Glieder bereits blau an. Und es wäre ja keinem damit gedient, wenn ich hier erfriere und Sie dann keinen Politiker mehr hätten, der sich, so engagiert wie ich, in Zukunft um die Wiederbelebung unserer politischen Demokratie kümmern würde. Nicht wahr?"
Herzliche Grüße
von Bundespräsident zu Bundespräsident
Ihr
Joseph Dehler
www.politikberatung-dehler.de
Hier können Sie die Beiträge der Politsatire als Hörtext kostenlos downloaden.
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